Retro der Woche 11/2015

Wenn es eines Beweises bedarf, dass Retro-Aufgaben nicht unbedingt eine „Forderung“ im klassischen Problemsinne benötigen, dann ist das Stück, das ich heute vorstellen möchte, ein hervorragendes Beispiel. (Bei der Lösungsbeschreibung stütze ich mich auf Anmerkungen von Andrej Kornilow und Henrik Juel.)

Harry Goldsteen
Probleemblad 1989, nach Andrej Frolkin, Superpreis
#1 (4+14)

 

Natürlich ist Weiß am Zug, da sein König im Schach steht, und das (sogar dualisitische) Matt mittels 1. exf8=D/T# lockt nun wirklich niemanden hinter dem Ofen hervor — aber darum geht es natürlich gar nicht.

Die spannende Frage ist natürlich, wie denn der Retroknoten im Norden aufgelöst werden kann, wie die weißen Steine denn wieder nach Süden gelangen können. Schwarz muss im letzten Zug natürlich den Springer von h7 nach f8 gezogen haben: Dabei kann er keinen weißen Stein geschlagen haben, da dies sofort zum Retropatt führt, da Weiß nun nur R 2.Le8xTf7 hat, und schon ist es vorbei.

Damit sehen wir schon einen Mechanismus, der nun genutzt werden muss, um die weißen Steine zu befreien: Retro-Schachs durch den schwarzen Turm mit Pendeln zwischen f8 und f7 und dabei „sinnvolles Entschlagen“. Die nur drei sichtbaren schwarzen Bauernschläge bei insgesamt 12 (!) fehlenden weißen Steinen bieten hier eigentlich große Auswahl, jedoch schwebt stet das Damokles-Schwert des Retropatts über uns, wie wir schon an der ersten schwarzen Rücknahme gesehen haben.

Dieses Entschlagen auf f7 (es kommen dafür ja wegen des drohenden Retropatts nur Springer in Frage) kann aber nicht Selbstzweck sein, sondern muss irgendwie dem Auflösen des Retroknotens dienen, und dafür ist es erst einmal erfoderlich, dass einer der vorhandenen weißen Steine eine Rücknahme hat. Das kann nur Dd8-d7 sein — aber dafür muss es ein Schild auf c8 geben. Dieses Feld kann ein weißer Springer im Moment nicht erreicht haben, also muss Weiß auf c7 den letzten fehlenden Stein, die schwarze Dame entschlagen.

Das kann nur mittels eines Springers passieren, und um dafür Zeit zu gewinnen, muss Schwarz kräftig die „Tempopumpe“ f8-f7 bedienen.

Damit haben wir den ersten Teil der Lösung (die Springerzüge im „freien Land“ sind selbstverständlich nicht eindeutig, aber das ist hier nicht wertmindernd):

1.– Sh7-f8+ 2.Le8xTf7 Tf8xSf7 3.Se5-f7 Tf7-f8+ 4.Sf3-e5 Tf8xSf7 5.Sh6-f7 Tf7-f8+ 6.Sd4-f3 Tf8xSf7 7.Sg5-f7 Tf7-f8+ 8.Sb5-d4 Tf8xSf7 9.Se5-f7 Tf7-f8+ 10.Sc7-b5 Tf8xSf7 11.Sb5xDc7 Dc8-c7 12.Dd8-d7 — die erste Hürde ist geschafft, und damit ist schon der damals bestehende Rekord von fünf Springer-Entschlägen (siehe P0001912 in der PDB) eingestellt.

Aber nun geht es verblüffend weiter mit 12.– Dc7xSc8+ (neuer Rekord!), und die restliche Auflösung ist noch recht verzwickt: 13. Ld7-e8 Te8-f8 14.Sf5-h6 Tf8-e8 15.Sh6-f7 Tf7-f8+ 16.Df8-d8 Dd8-c7 17.Le8-d7 Kc7-b8 18.Sa3-b5+ Lb8-a7 19.Sa7-c8 Kc8-c7 20.Sb5-a7+ Lc7-b8 usw.
Im weiteren Rückspiel schlug Schwarz a7xBb6, c6xTd5, d7xTc6, e7xLd6, h7xBg6, und
die weißen Umwandlungen in Springer erfolgten auf a8, c8, d8 sowie h8. Vierfache Prentos-Umwandlung (Ceriani-Frolkin, wobei der Schlag durch einen Offizier erfolgt) in Springer, wobei wir natürlich nicht entscheiden können, welche der weißen Springer nun Umwandlungssteine sind und welche die Original-Figuren.

Ein fantatisches Problem, bei dem es lohnt, die Feinheiten selbst genau aufzuspüren! Henrik Juel wies übrigens 1998 in Thema Danicum darauf hin, dass man in der Diagrammstellung einen wBf2 ergänzen könne; dies macht dann alle 13 Schlagfälle bis zurück zur Partieanfangsstellung eindeutig — schaut euch auch das einmal an!

Solche „Geschenke Gottes“, wie Alexander Kisljak über dieses Stück sagte, fallen natürlich nicht einfach vom Himmel, sondern erfordern viel Kreativität, Geschick und Geist des Komponisten, der sich dabei natürlich auf andere Werke ein wenig abstützen kann. Das „nach AF“ bezieht sich auf dessen Arbeiten mit diesem Tempo-Entschlag-Thema (z.B. P0001614 oder P0000096), und die Idee war damit selbstverständlich nicht erschöpft, siehe hierzu etwa P1105436 von Thierry Le Gleuher.

Schaut euch die vier hier angegebenen Vergleichsaufgaben bei einem guten Glas Rotwein einmal in Ruhe an: Da kann ich euch höchsten Retro-Genuss versprechen!

2 thoughts on “Retro der Woche 11/2015

  1. Thanks for bringing this classic resolution retro. It is one of my all-time favorites, and although I have done so many times before, I could not help putting the position up on the board and see the retroplay once more.
    The three other retros mentioned are certainly also worth studying.

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