Retro der Woche 20/2026

Ich finde es immer wieder interessant, ein wenig in die Vergangenheit zu schauen, um einerseits zu sehen, wie sich etwa die Retroanalyse weiterentwickelt hat und welche auch technisch hervorragende Aufgaben andererseits schon entstanden sind. Besonders spannend finde ich das bei Beweispartien, da sich diese Gattung ja eigentlich erst innerhalb der letzten vierzig Jahre zu der entwickelt hat, die sie heute ist.

Schauen wir also heute 15 Jahre zurück. Bemerkenswert erscheint mir dort, dass sich die Tendenz zu „Märchen-Retros“ damals schon deutlich zeigte, wobei feenschach dabei natürlich eine Vorreiterrolle einnahm: Die beiden Preisträger sind orthodox, die fünf weiteren ausgezeichneten Aufgaben nutzen allesamt Märchenbedingungen.

Roberto Osorio & Jorge J. Lois
feenschach 2011, 2. Preis
Beweispartie in 22 Zügen (13+13)

 

Das Zählen der sichtbaren schwarzen Züge ist schnell erledigt, das der weißen lohnt eher: 2+2+5+3+1+5=18. Aber auch damit sind noch vier weiße Züge frei. Und auch die Bauernstellung verrät nur einen Schlag.

Andererseits: Es fehlen auf beiden Seiten jeweils drei Bauern, und die müssen ja irgendwieverschwunden sein? Und bei „drei Bauern fehlen bei 21 freien Zügen“ kommt man sicher schnell auf den Gedanken, dass es um Umwandlungen gehen könnte?

Aber kann nicht beispielsweise die Dame auf h6, der Turm auf f5 oder f6 jeweils einen schwarzen Bauern geschlagen haben? In dem Fall müsste ein weißer Bauer umgewandelt haben, um den Schlag auf a6 zu ermöglichen. Das kann aber nicht klappen, da Weiß ja „nur“ vier freie Züge hat.

Also muss auf a6 ein weißer Bauer gestorben sein — und dafür kommt nur wBd2 in Frage, der in genau vier Zügen nach a6 gelangen kann. Und das soll dann korrekt sein??

Damit der d-Bauer dorthin schlagen kann, muss Schwarz dreimal umwandeln, um die neuen Offiziere dann z.B. auf c4, b5 und schließlich a6 schlagen zu lassen — das klappt sicherlich mit 21 freien schwarzen Zügen! Aber wie kann das so passieren, dass der letzte schwarze Stein spätestens im 21. weißen Zug geschlagen werden konnte? Denn dann muss ja zwingend noch 22.Lb5 folgen.

Das funktioniert also auch nicht — und damit bleibt zwingend die einzige Möglichkeit, dass wBa2 auf a6 geschlagen wurde! Und dann wissen wir auch, woher die Bauern auf der dritten Reihe stammen.

Wie sie dort hingekommen sind, wollt ihr nun bestimmt selbst herausfinden?

Lösung


Neben den drei einheitlichen Ceriani-Frolkin-Umwandlungen sind auch weitere Feinheiten bei der Lösung zu beachten, etwa wie die Dame ausgerechnet via h5 nach h6 gelangt, was noch einen Schachschutz-Zwischenstop des weißen Turms erfordert — der vierte freie Zug!

Sehr zugökonomisch, und gerade das lässt vielleicht den einen oder anderen fragen, ob die Autoren den letzten Zug nicht besser weggelassen hätten? Schließlich ist das Thema schon dargestellt, und der Schlag zerstört auch noch die hübsche Homebase-Stellung?

Dem würde ich heftig widersprechen: Nicht etwa, weil es bemerkenswert ist, dass wBa6 19 Züge lang dort steht und erst dann geschlagen werden kann: Nein, dieser Bauer würde komplett den eigentlichen Witz der Aufgabe zerstören, da man dann sofort sähe, was im Südwesten passiert ist. Nein, dieser „Ökonomieverstoß“ ist ein Riesengewinn für die Aufgabe; ohne ihn, da bin ich mir sicher, wäre sie niemals in den Preisrängen gelandet.

Wie sagte Herbert Grasemann sinngemäß? „Ökonomisieren heißt Haare schneiden, aber nicht skalpieren.“

Was meint ihr?

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