Retro der Woche 13/2021

Im letzten Retro der Woche hatte ich den ersten Preis der Beweispartie-Abteilung des letztjährigen Champagne-Turniers vorgestellt; gefordert war das Thema: Ein Original-Offizier (also nicht umgewandelt) wird von einem anderen Offizier geschlagen, der geschlagene hat mindestens einmal gezogen und selbst nicht geschlagen. Zum Zeitpunkt des Schlags gibt das Schlagopfer kein Schach, ist auch nicht gefesselt.

Die „sonstige“ Abteilung war mit nur sechs eingereichten Aufgaben deutlich dünner besetzt als die der Beweispartien. Den Preis vergab Richter Michel Caillaud an einen ziemlich vogelwilden Verteidigungsrückzüger (Frankfurter Schach, weiße disparate Steine, weißer Längstzüger); ich bespreche hier lieber die erste ehrende Erwähnung:

Andrej Frolkin
Champagne-Turnier 2020, 1. ehrende Erwähnung Gruppe B
a) letzte drei Schläge? B) minimale Zuganzahl seit dem letzten Bauernzug? (15+10)

 

Wir sehen schnell, dass bei Weiß nur ein Stein fehlt, der durch cxb des nun auf b2 stehenden schwarzen Bauern geschlagen wurde. Ferner erkennen wir, dass Schwarz direkt vor dem Retropatt steht, denn die einzig „optisch mögliche“ Rücknahme b7-b6 verbietet sich, da der Zug [Lc8] aussperren würde.

Das geht nicht, wenn wir betrachten, welche Schläge durch Weiß notwendig sind: axb ist offensichtlich. Da sBf2 nicht geschlagen haben kann, braucht es auf dem Königsflügel zwei Bauernschläge (gxf3 und vorher schon fxBe – der eine e-Doppelbauer hat sich dann auf e8 in die zweite weiße Dame umgewandelt).

Ferner müssen im Süden zwei Schachschilde entschlagen werden, damit der Südwestknoten aufgelöst werden kann mittels sKc1-c2 und anschließend wKd3-e2.

Das passt doch, dann ist noch ein Schlag frei für [Lc8]?! Nein, denn keiner der fünf anderen Entschläge kann sofort erfolgen, also wird Schwarz Retropatt. Daraus können wir schließen: Weiß muss mit den Rücknahmen beginnen und gleich einen Stein entschlagen, um Schwarz Luft, also Züge zu geben.

Das kann nur Sa4 erledigen, der dann auch sofort nach d3 wandern kann, um auf c1 die beiden notwendigen Schachschilde entschlagen kann. Das müssen beides Türme sein: Eine Dame, die ja auf b1 auch funktionieren würde, scheidet gleich aus zwei Gründen aus: Als Umwandlungsstein wäre sie illegal, da sie nicht entwandeln kann (zwei Umwandlungssteine und sieben Bauern) – und selbst, wenn dies ginge, würde sie im falschen Moment d3 decken.

Nun sollte die Stellung ziemlich einfach aufgelöst werden können:

Lösung

R: 1.Sc5xLa4! Lc6-a4 2.Sd3-c5 Lb7-c6 3.Sc1-d3 Lc8-b7 4.Sd3xTc1! Tb1/d1-c1 5.Sc1-d3 b7-b6 (letz-ter Bauernzug, also minimal neun Halbzüge) 6.Sd3xTc1! Td1/b1-c1 7. (z.B.) Sf4-d3 Kc1-c2 8.Kd3-e2 Sg3-f1 usw.

Die erfragten letzten drei Schläge habe ich mit Ausrufezeichen markiert.

Michel Caillaud sprach in seinem Bericht ein Vergleichsstück an, das ich euch ebenfalls gern zeigen möchte: Mit der Kenntnis der obigen Aufgabe ist dessen Lösung so schwer nicht; die werde ich also, um euch zum Beschäftigen mit dem Stück zu ermuntern, wie bei den „Zwischendurch“ Problemen erst in etwa einer Woche nachliefern.

Andrej Frolkin & Joaquim Crusats
StrateGems 2016
letzte 7 Einzelzüge? (12+12)

12.4.21: Diagrammfehler korrigiert (wLa7 statt wTa7)!

 

 

Lösung der StrateGems Aufgabe

R: 1.Da1-d1# g7×xSf6 2.Se4xf6 f7-f6 3.Sg3xe4 e5-e4 4.Se4xg3, und dann etwa 4.– h4xSg3 5.Sc3-e4 h5-h4 6.Sb1-c3 h6-h5 7.Se4-g3 h7-h6 8.Sc3-e4 Kc1-c2 9.Sd1-b3+ L~-b2 10.Tb2-a2+ usw.

9 thoughts on “Retro der Woche 13/2021

  1. Hallo Thomas, in der Vergleichsaufgabe von Frolkin & Crusats fehlt offensichtlich ein wLa5 – kannst Du bitte mal in dem Original-Strategems-Heft nachschauen?

      • Ich hatte gehofft, daß Du Abonnent von ‚StrateGems‘ bist und mal schnell nachschauen kannst. Meine Vermutung war, daß Michel in seinem Preisbericht den wLa5 vergessen hatte.
        Ohne wLa5 löst ganz brutal auch: R: 1. … Le5-b2 2. b2-b3+ – das werden zwei Koryphäen wie Andrej und Joaquim ja wohl kaum übersehen haben …

      • Ich habe Michel direkt gefragt, seine Antwort: „I checked in the magazine and the wR on a7 should be a wB.“ (Also wLa7 statt wTa7)

  2. Mal was Nichtschachliches: Das Wort „vogelwild“ war neu für mich! Aber jetzt habe ich sogar offizielle englische Übersetzungen dafür gefunden: „boisterous, wild, fancy, weird, crazy, inordinate“. Wie schon Jorge Luis Borges schrieb, erlaubt die deutsche Sprache wunderbare Wortneukreationen. (Oder vielleicht ist „vogelwild“ sogar alt!?)

    • Ich habe mal ein wenig geschaut: Der Begriff kommt aus dem bairischen als Steigerung von „wild“, ist in Ober- und Niederbayern ziemlich verbreitet, und hat sich wohl in den 1980er Jahren auch in die „Fußballsprache“ eingeschlichen: „Die Abwehr spielt mal wieder ziemlich vogelwild“ — gemeint: rennt herum wie ein Hühnerhaufen.
      Ich hatte das Attribut hier im „bairischen Sinne“ verwendet: Reichlich wilde Kombination von heftigen Märchenbedingungen, was natürlich kein Qualitätsurteil ist.

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