Retro der Woche 12/2021

(Erst) jetzt ist der Preisbericht vom letztjährigen Champagne-Turnier erschienen: Dieses regelmäßig aus Anlass des WCCC von Michel Caillaud ausgerichtete Retro-Kompositionsturnier wird normalerweise zum Ende des jeweiligen WCCC gerichtet, die Preisverleihung erfolgt noch beim Treffen. Da das 2020 ja Corona-bedingt ausfiel, konnte sich Michel nun etwas mehr Zeit fürs Richten lassen …

Thema war „capture in the air”: Ein Original-Offizier wird von einem anderen Offizier geschlagen, der geschlagene hat mindestens einmal gezogen und selbst nicht geschlagen. Zum Zeitpunkt des Schlags gibt das Schlagopfer kein Schach, ist auch nicht gefesselt.

Wie üblich gab es zwei Gruppen: (A) Beweispartien und (B) sonstige Retros. Heute möchte ich den ersten Beweispartie-Preis vorstellen:

Andrej Frolkin
Champagne-Turnier 2020, 1. Preis Gruppe A
Beweispartie in 22 Zügen (14+13)

 

„Ich bin kein großer Freund von Umwandlungssteinen im Diagramm (Dc7, Ta6 und gar Lh1), aber die sind hier durch das exzellente Spiel und den originellen Inhalt kompensiert.“ (Preisrichter Michel Caillaud) – da können wir uns ja auf eine interessante Beweispartie freuen!

Bei Weiß sind zwei Offiziere umgewandelt, am zugökonomischsten sind das wTa6 und wDc7, die dann sieben bzw. sechs Züge benötigten. Darüber hinaus sehen wir noch vier weiße Züge im Diagramm, zusammen also 17. Damit haben wir fünf Züge Zeit, um die fehlenden weißen Läufer loszuwerden.

Bei Schwarz sehen wir 1+2+2+2+3+10=20 Züge, dabei habe ich sLh1 mit fünf Zügen bei den Bauern mitgezählt. Zwei Züge sind also bei Schwarz nicht sichtbar — die werden aber offensichtlich benötigt, um ein Schlagopfer nach f3 zu bringen, wofür nur [Lc8] verwendet werden kann.

Für die Umwandlungen kommen natürlich nur [Bh2] und [Bc2] infrage, die auf g7 und d7 die beiden fehlenden schwarzen Bauern schlagen mussten, die ja keine Zeit hatten, selbst noch zu ziehen. Das legt schon die Reihenfolge fest: g7-g8=T, dann Kf8, dann d7-d8=D. Nun gilt es „nur noch“, den Schachschutz für den schwarzen König sicher zu stellen.

Hierbei müssen wir bedenken, dass wir nur noch weiße Züge frei haben. Und auch die Zugreihenfolge (z.B. c5, Sc6 erst nach c6xd7, Sd7 erst nach Umwandlung auf d8) müssen wir beachten. Und die spannende Frage ist, wie lange wir [Lf8] auf seinem Ausgangsfeld stehen lassen können.

Diese Überlegungen helfen vielleicht schon weiter?

Lösung

Die thematischen Schlagfälle habe ich mit Ausrufezeichen kenntlich gemacht.

Noch einmal Michel Caillaud: „Das Thema ist einfarbig mit einheitlicher Motivation gedoppelt: Der geopferte weiße Stein ist als Schachschutz zwischen schwarzem König und dem umgewandelten weißen Stein genutzt.“ Das erscheint auch mir höchst originell.

Ach ja, wer die beiden weißen Umwandlungssteine im Diagramm unsichtbar machen will, muss ja beispielsweise „nur“ in dem Schema [Dd1] und [Ta1] oder [Th1] wegschlagen. Aber das dürfte, so vermute ich mal, kaum zwischen Tagesschau und Wetterbericht korrekt zu bekommen sein, sonst hätte Andrej das sicher gemacht, auch wenn er da vielleicht recht undogmatisch ist. Oder ihr packt noch einen schwarzen Umwandlungsspringer dazu 😉

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