Retro der Woche 03/2020

Bleiben wir noch etwas im Jahr 2000: Um 2007–2008 herum hatten Hans Gruber, Ulrich Ring und ich uns vorgenommen, verschiedene noch ausstehende Preisberichte, für die der vorgesehene Richter nicht mehr zur Verfügung stand, gemeinsam zu richten; das war für verschiedene Zeitungen und in verschiedenen Abteilungen: Riesenspaß hat das gemacht!

Den ersten Preis bei der Schwalbe aus dem Jahr 2000 möchte ich euch heute vorstellen -– und es mir damit recht leicht machen: Ich zitiere hier ziemlich unverändert unseren Kommentar aus dem Preisbericht (Die Schwalbe 233, Oktober 2008, S. 578—582). Dabei wird natürlich schon das Thema beschrieben, wird auch auf die Strategie eingegangen. Wer also selbst lösen möchte, sollte nicht sofort auf „Weiterlesen“ klicken…

Satoshi Hashimoto
Die Schwalbe 2000, 1. Preis
Beweispartie in 19 Zügen (15+14)

 

 

 

 

Ein herausragendes Meisterwerk von geradezu magischer Paradoxie. Weiß opfert einen Turm und erwandelt danach einen neuen Turm, der auf das Partieausgangsfeld des geopferten Turms zieht (Pronkin-Thema). Aber Achtung: Dieser Pronkin-Turm macht das zweimal! Wir wagen nicht zu entscheiden, ob die Phantasie oder der Wagemut größer ist, wenn ein Komponist einem solchen Vorhaben nachgeht. Das Thema verlangt eine enge, komplexe Verknüpfung des weißen und schwarzen Spiels. Die schwarze Dame kann nur auf dem Weg d8-a8-a2-b1 in drei Zügen nach b1 gelangen; da der [Ba2] nicht schlägt, muss er umwandeln und den Platz frei machen, bevor die Dame starten kann. „Den Platz frei machen“ heißt – nach a1 ziehen. Es bleibt aber noch eine andere Aufgabe zu errichten: Der [Sg8] muss auf seinem Ausgangsfeld geschlagen werden, und wunderlicherweise kann dies nur der auf a1 geparkte Pronkin-Turm erledigen. Dazu muss er a1 verlassen und später wieder zurückkehren. Der Komponist begnügt sich hiermit nicht, sondern er erhöht die Paradoxie zudem noch gewaltig, indem er alles unternimmt, das Geschehen zu verschleiern und den Pfad des Pronkin-Turms mit Steinen wiederzuzumauern, die so aussehen, als stünden sie noch auf ihrem Partieausgangsfeld. Von wegen: Der Ta8 kommt von h8, der Sb8 hat zwischenzeitlich einen Ausflug nach d7 (nur dorthin!) gemacht, der Ke8 einen Schlenker nach e7.

Lösung

Das Zelebrieren des Pronkin-Hin-und-Hers wurde später von den besten Komponisten aufgegriffen und variiert. In P1011792 wirkt der Ta1 unschuldig, aber er ist der Pronkin-Ersatz des Pronkin-Ersatzes des originalen [Ta1]! Bemerkenswert ist, dass der erste Pronkin-Turm nicht durch eine Dame ersetzt werden kann (sie böte von a1 aus Schach!). Wie bei 10665 geht es darum, die schwarze Dame nach b1 vorbeiziehen zu lassen; der doppelte Schlag des sBa5 ist eine große Finesse. In P1068621 ist die schwarze Dame der Themastein. Die Originaldame opfert sich, eine Pronkin-Dame muss nach d8 zurück, um Platz für einen weißen Turm zu machen. Danach muss sie auf das Umwandlungsfeld zurück, um Platz für einen schwarzen Turm zu machen. Schließlich muss sie wieder nach d8. Diese einheitliche zweifarbige Begründung ohne Rückgriff auf die Bauernstruktur und die Schlagbilanz ist tief ausgearbeitet; auch hier haben wir mit dem wBa4 einen unscheinbaren Doppelschlagtäter.

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