Retro der Woche 02/2020

Nachdem wir in der letzten Woche das neue Jahr in dieser Rubrik mit einem „Blick zurück“ um 90 Jahre begonnen hatten, möchte ich mit euch heute 20 Jahre zurückblicken – das passt ja gut zu „2020“…

Und da dieses Stück auch noch 2.0 Lösungen hat, passt es gar doppelt gut!

Michel Caillaud
Probleemblad 2000, 1. Preis, Joost de Heer gewidmet
Beweispartie in 16 Zügen, 2 Lösungen (14+13)

 

Bei Weiß sind nur zwei Züge sichtbar, 14 sind also noch frei. Bei Schwarz schaut das aus Lösersicht schon besser aus: Wir sehen 1+1+3+1+3+5=14 – also sind noch genau die Hälfte der erforderlichen Züge noch frei.

Aber wir können aus Der Stellung noch eine Menge an Schlüssen ziehen, sodass es gar nicht so schwer wird zu lösen.

Irgendetwas muss ja auf g3 geschlagen worden sein. Bei Schwarz fehlen nur zwei Bauern und der schwarzfeldrige Läufer. Bauern konnten nicht in zwei Zügen nach g3 gelangen, also opferte sich dort [Lf8] via d6 in zwei Zügen. Damit sind alle schwarzen Züge geklärt.

Bei Weiß fehlen zwei Bauern, die sich nicht direkt haben opfern können: [Bd2] konnte sowieso mangels schwarzer Schlagopfer nicht nach a6 gelangt sein, und das gilt auch für [Bh2] oder [Bf2], die nicht auf die g-Linie schlagen konnten, um dann auf g6 zu sterben: Weiß musste die fehlenden schwarzen Bauern direkt auf deren Linie schlagen, da für sie ja kein Schlagobjekt mehr zur Verfügung steht.

Also mussten ich die beiden fehlenden weißen Bauern umwandeln und sich dann entweder selbst opfern oder geopferte Originalsteine ersetzen.

Damit haben wir zwei Umwandlungsbauern identifiziert, die zehn Züge benötigen – damit verbleiben noch vier Züge, die überflüssigen Offiziere wieder los zu werden.

Eine Verteilung „3+1“ (z.B. [Lf1] ist Pronkin-Stein) kann es nicht geben – ihr findet selbst die Begründung dafür? Nein, da braucht es mehr als darauf hinzuweisen, dass das Stück Computer-geprüft ist…

Also haben nur die Umwandlungssteine je zweimal gezogen – also haben wir vier Ceriani-Frolkin-Bauern. Vielleicht ahnt ihr schon ein weiteres Thema, bevor ihr nun hoffentlich selbst versucht, die Lösungen zu finden?

Bei Beweispartie-Mehrlingen sind immer eine Menge der Züge in den verschiedenen Phasen identisch: „Irgendwie“ müssen ja die Figuren ihre Position im Diagramm erreichen… Hier allerdings finde ich die Lösungen trotzdem recht abwechslungsreich.

Lösungen

Lösung 1:

Lösung 2:

Spannend finde ich auch immer die Frage, nach welchen Gesichtspunkten Autoren welche Aufgaben wem widmen. Ohne es zu wissen, vermute ich mal, dass hier die Stellung der schwarzen Steine im Osten den Auslöser bildeten, dieses Stück wegen der J-Form Joost zu widmen?!

Diese Form erinnert mich übrigens an eine Aufgabe von Herbert Grasemann, über die Wolfgang Dittmann, Armin Geister und Dieter Kutzborski in ihrer grandiosen Grasemann-Biographie „Logische Phantasien“ (De Gruyter Verlag 1986) schrieben:
„Buchstaben- oder Symbolprobleme, eigens der Form wegen komponiert, verabscheute Grasemann über alles. Allerdings besaß er genügend Humor, eine sich aus dem Konzept zufällig ergebende auch lösernah zu betiteln.“

Herbert Grasemann
Weltspiegel 6.4.1947 – Das Saxophon
Matt 3 Zügen (5+4)

 

Viel Spaß beim „Blick über den Zaun“ und beim Lösen — und erkennt ihr das Thema?

7 thoughts on “Retro der Woche 02/2020

  1. The J in the diagram is coincidental, I think.

    In february 2000, Gianni Donati published a 4 solution composition with an AUW (P1001157), and the full AUW in one solution is also known. I asked begin 2000 on the retros mailing list ‚Has anyone ever succeeded in showing an AUW spread over 2 solutions? And this was Michel’s answer.

    Unfortunately the email archive of the RML doesn’t contain the mails from 2000 (and earlier).

  2. Surprised that no distinction for this masterpiece by Michel is mentioned, I checked with PDB, which gives 1st Prize, Probleemblad 2000.

  3. Ich finde es immer wieder toll, wenn in einer Beweispartie mit zwei exakten Lösungen auch noch anspruchsvoller thematischer Gehalt zu finden ist (der sogar kunstvoll auf die beiden Lösungen aufgeteilt ist). So etwas gelingt nicht durch Zufall; aber das Komponieren gleicht dabei einem Jonglieren mit Kreissägen!

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