Retro der Woche 47/2019

In den letzten Wochen hatten wir uns hier intensiv mit dem Pronkin-Thema beschäftigt, und auch heute möchte ich euch eine komplexe Beweispartie vorstellen, in der Umwandlungen eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielen.

Thierry Le Gleuher
Probleemblad 2001, 1. Preis
Beweispartie in 34,5 Zügen (14+10)

 

Das sieht man sofort beim Blick auf das Diagramm schon: Jede Menge weiße Umwandlungssteine! Wenn ihr genau hinschaut, seht ihr schnell, dass das Diagramm eine weiße Allumwandlung zeigt. Ein Thema haben wir also schon erkannt…

Diese Erkenntnis hilft uns jedoch schon signifikant beim Zählen der erfolgten weißen Züge: 20 Bauernzüge sind schon klar. Nehmen wir die drei weißen Steine auf der achten Reihe als Umwandlungssteine an, so sehen wir 2+2+5+4+1+1=15 –- zusammen mit den 20 Bauernzügen für die Umwandlungen sind damit alle weißen Züge erklärt. Natürlich könnte man einen Turmzug einsparen, wenn wTc1 der [Ta1] wäre – das aber würde zwei Züge des [Sb1] erfordern, und das wäre ein Zug zu viel.

Nun schauen wir uns die Schlagbilanzen an:

Wir wissen ja nun, dass die drei weißen Steine auf der achten Reihe Umwandlungssteine sind. Im Diagramm sehen wir einen offensichtlichen weißen Bauernschlag nach b3. wDg8 muss sich im letzten Zug der Partie schlagend umgewandelt haben, und dann bleiben noch [Ba2] und [Bd2], die sich auf a8 und b8 umgewandelt haben: Das erfordert vier weitere Schläge im Westen.

Damit erfolgte die Turm-Umwandlung schlagfrei; dafür musste Schwarz die Umwandlungslinie durch einen eigenen Bauernschlag öffnen, und auch auf g8 konnte offensichtlich kein schwarzer Bauer geschlagen werden. Also musste Schwarz auch die Linie für die Damenumwandlung genauso öffnen – jeweils durch Schlag der weißen „Nachbar-Bauern“ zu Hause, da sie ja keinen Zug frei haben.

Daraus aber schließen wir, dass alle vier schwarzen Königsflügel-Bauern nicht direkt geschlagen werden konnten: Sie mussten sich alle umwandeln! Damit haben wir bei Schwarz ebenfalls 20 Bauernzüge für die Umwandlungen; es bleiben also neben den sichtbaren 2+1+2+1+1=7 noch sieben Züge frei, die umgewandelten Bauern loszuwerden oder sie geschlagene schwarze Originalsteine ersetzen zu lassen.

Das wird mit Phoenix-Steinen zeitlich sehr knapp, sodass unsere erste Vermutung sein könnte: vier Mal Ceriani-Frolkin-Umwandlungen.

Das ist noch ein wenig trickreich, die richtigen Umwandlungen auf den richtigen Feldern herauszufinden, und dann stellt man fest, dass wir noch eine Allumwandlung sehen: Nämlich eine „CF-AUW“ bei Schwarz.

Lösung

Eine sehr beeindruckende Themenkombination: Allumwandlung bei Weiß, CF-Allumwandlung bei Schwarz — und trotzdem hat das Stück im FIDE-Album „nur“ 9 Punkte erhalten, von einem Richter gar nur 2,5?!

Das liegt sicher daran, dass die weiße Allumwandlung fast als technischer Trick angesehen werden kann, um die schwarze zu determinieren und der Allumwandlungs-Aspekt nicht inhaltlich begründet ist: Die Beweispartie wäre offensichtlich völlig identisch bei den Schlusszügen 35.hxg8=T und/oder 34.a8=beliebig. Mit anderen Worten: Die weiße Allumwandlung ist „nur“ optisch, während die schwarze logisch notwendig ist. Die Umwandlung auf g8 muss Schach bieten, während die auf b8 und a8 völlig beliebig sind.

6 thoughts on “Retro der Woche 47/2019

  1. Looking only at the diagram, I see only 4 white Rook moves, so to make the analysis a little bit more complete, this possibility should be explicitely excluded …

    • Well, Mario, I think I did?!
      „Natürlich könnte man einen Turmzug einsparen, wenn wTc1 der [Ta1] wäre – das aber würde zwei Züge des [Sb1] erfordern, und das wäre ein Zug zu viel.“

      • Well, Thomas, I think, I meant something different: the position can be explained with the following white rook moves:
        – 2: Ta1-a4-b4
        – 1: Th1-c1
        – 1: UW-Th8-h2
        To illustrate my claim, and also to show that 3 black promotions suffice to explain the diagram position, here’s a sample game:
        1.a2-a3 h7-h5 2.a3-a4 f7-f5 3.a4-a5 h5-h4 4.e2-e3 h4-h3 5.e3-e4 h3xPg2 6.f2-f3 f5xPe4 7.f3-f4 Rh8-h3 8.f4-f5 Rh3-b3 9.c2xRb3 e4-e3 10.h2-h4 e3-e2 11.Ng1-f3 g2-g1=B 12.f5-f6 Bg1-b6 13.d2-d4 g7-g5 14.Ke1-d2 e2-e1=R 15.Kd2-c3 Re1-e5 16.Bf1-h3 Re5-c5 17.d4xRc5 e7-e5 18.f6-f7 Ke8-e7 19.h4-h5 Ke7-f6 20.h5-h6 e5-e4 21.h6-h7 e4-e3 22.Bh3-e6 g5-g4 23.c5xBb6 g4-g3 24.b6xPa7 Ng8-e7 25.Qd1-d5 e3-e2 26.Bc1-e3 g3-g2 27.Rh1-c1 e2-e1=R 28.h7-h8=R g2-g1=R 29.Rh8-h2 Bf8-h6 30.Ra1-a4 Rg1-g8 31.Qd5-c6 Qd8-f8 32.a7xNb8=B Ra8-a6 33.Ra4-b4 Ra6-b6 34.a5-a6 Rg8-h8 35.a6-a7 Re1-g1 36.a7-a8=N Rg1-g8 37.Be3-g1 Kf6-g7 38.f7xRg8=Q+

      • Ja, zählen müßte man können, auch in meiner 4-wT-Züge-BP wandelt Schwarz 4x um …

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