Retro der Woche 43/2019

Bleiben wir noch etwas bei der Geschichte der Retroanalyse. Während klassische Retros sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen (die Retroanalyse ist sogar älter als das Hilfsmatt!), hat die Geschichte der eindeutigen Beweispartien erst in den 1980er Jahren richtig begonnen.

Einer der Vorreiter der modernen Beweispartie ist der Ukrainer Dmitri Pronkin (* 7.7.1960), der schon lange in Deutschland lebt, sich aber vom Problemschach offensichtlich vollständig zurückgezogen hat.

Dmitri Pronkin
Die Schwalbe 1988, 1. Lob
Beweispartie in 24,5 Zügen (16+13)

 

Weiß hat noch „alle Mann an Bord“, bei Schwarz fehlen aus der Homebase-Stellung [Ba7], [Bd7] und [Bh7], die aber, da sie selbst nicht schlagen konnten, nicht selbst auf b3, c3 oder der g-Linie geschlagen werden konnten.

Also mussten sie sich umwandeln, um sich dann selbst schlagen zu lassen oder aber geschlagene schwarze Offiziere zu ersetzen. Für diese Manöver stehen Schwarz neun Züge zur Verfügung; 15 werden ja durch die erforderlichen Umwandlungen verbraucht.

Bei Weiß sehen wir mindestens 6+2+4+2+4+5=23 Züge – zwei Züge sind also noch frei!

Einen davon finden wir recht schnell: Schwarz steht durch die weiße Dame im Schach. Die aber kann nicht direkt von d3 gekommen sein, da vorher die d-Linie für die Umwandlung des [Bd7] frei gewesen sein muss. Also muss die weiße Dame einen dritten Zug gemacht haben.

Und auch der zweite zusätzliche freie Zug erschließt sich aus der Notwendigkeit, eine Umwandlungslinie frei zu halten: Käme wTg3 in zwei Zügen von h1, müsste vor Th3-g3 noch Lh2 erfolgen, sodass die h-Linie für [Bh7] permanent verstopft gewesen wäre, der sich also nicht hätte umwandeln können. Also muss noch ein fünfter Turmzug erfolgt sein –- und damit sind alles weißen Züge erklärt.

Spannend ist natürlich herauszufinden, wohin die zusätzlichen Züge erfolgen –- und warum nur genau dorthin. Dies macht für mich neben dem eigentlichen Thema den besonderen Reiz der Aufgabe aus.

Lösung

Das ist die Erstdarstellung einer dreifachen Pronkin-Umwandlung, hier in der „einfachsten“ einfarbigen Form mit Türmen und Dame, da diese Umwandlungssteine nur jeweils einen Zug auf das passende Partieanfangsfeld benötigen.

Nach dieser Erstdarstellung stammt die nächste vom Ende des Jahres 1989: Ulrich Ring wollte das Thema mit DTL als Themasteinen darstellen. Die Aufgabe war aber zunächst inkorrekt, die Korrektur gelang erst im Jahr 2004 zusammen mit Joost de Heer; ich hatte dieses Stück als Retro der Woche 27/2014 vorgestellt.

Übrigens ergab sich mit der Zeit eine Änderung der Terminologie: Im Buch Shortest Proof Games sprechen Gerd Wilts und Andrej Frolkin hier noch vom Phoenix-Thema. Heute verwendet man diesen Begriff allgemein für den Ersatz eines Originalsteines durch einen Umwandlungsstein; der Spezialfall, dass der Umwandlungsstein dann das Partieausgangsfeld dieses Originalsteins besetzt, heißt heute Pronkin-Thema.

One thought on “Retro der Woche 43/2019

  1. Despite the length this proof game is surprisingly easy to solve.
    Maybe this was the reason for the relatively modest award it received; one would think that the first triple Pronkin should have done better.

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