Retro der Woche 18/2019

Vor drei Wochen hatte ich hier den 2. Preis des Retro-Jahresturniers 2016 der Schwalbe vorgestellt, nun ist der erste Preis aus diesem Turnier an der Reihe.

Silvio Baier
Die Schwalbe 2016, 1. Preis
Beweispartie in 28 Zügen (16+11)

 

Bei Weiß sind noch alle Mann an Bord, und Weiß hat auch nicht umgewandelt. Bei Schwarz sehen wir eine Home Base Position, wo also alle noch (oder wieder) vorhandenen Steine auf den jeweiligen Feldern der Partieanfangsstellung stehen.

Und bei Schwarz fehlen fünf Steine: vier Bauern und [Lc8], der offensichtlich zu Hause geschlagen werden musste.

Die fehlenden Bauern müssen sich hingegen alle umgewandelt haben: Sie können ja wegen der 16 weißen Steine nicht selbst geschlagen haben, können aber von keinem der weißen Bauern geschlagen worden sein, die offensichtlich vier Mal geschlagen haben. Damit wissen wir auch schon, dass Schwarz genau acht Züge Zeit hatte, vier Offiziere verschwinden zu lassen, denn 20 Züge werden ja für die vier Umwandlungen verbraucht.

Ebenso erkennen wir recht fix, dass zumindest ein Pronkin-Stein auf dem Brett stehen muss: Ein schwarzer Originalstein musste sich ja schlagen lassen, damit dadurch eine Bresche (= freie Linie) in die weiße Stellung geschlagen werden konnte, damit sich der erste schwarze Bauer umwandeln konnte.

Zählen wir nun die weißen sichtbaren Züge (3+2+4+5+3+9=26), so sehen wir, dass zwei weiße Züge noch frei sind. Allerdings brauchen wir einen weiteren weißen Zug, um [Lc8] zu schlagen.

Betrachten wir nun einmal die weißen Bauernschläge, so können uns die vielleicht helfen, einzuschätzen, welche Steine wo geschlagen worden sind?

Weiß schlug axb, cxb, exd und fxg. Sicher muss der schwarze Originalstein sehr früh geschlagen worden sein, um den Weg für seinen ersten Umwandlungsbauern frei zu machen. Da könnte man auf die Idee kommen, es mit 1.a4 c5 2.a5 Db6 3.axb6 zu versuchen.

Haben wir dann schon Ideen, was wo umgewandelt werden konnte? a1=S, Sb3, cxb3 und c1=S, Sd3, exd3 könnten natürlich sparsame Ideen mit zwei Ceriani-Frolkin-Springern sein. Damit hätten wir noch fünf Züge für die zwei weiteren Umwandlungssteine: Eine zum Opfer, eine, um auf das Partieanfangsstellung des geopferten Originalsteins zu kommen. Das könnte also sDd8 sein.

Wenn die wirklich auf d8 gefehlt hat, müssen wir uns nun überlegen, wie denn Schachschutz gegeben werden konnte beim offensichtlichen Dxc8? Wenn unsere Überlegungen bisher stimmen, dann muss der letzte Zug in der Beweispartie 28.– Dd8 gewesen sein! Und das macht dann auch klar, wo Weiß seinen noch freien Zug „verschenken“ musste.

Mit diesen Gedanken mögt ihr euch nun vielleicht an die Lösung der Aufgabe machen? Ihr wisst ja, ich habe sie hinter dem „Spoiler“ verborgen…

Lösung
1.a4 c5 2.a5 Db6 3.axb6 c4 4.Ta5 c3 5.Tb5 a5 6.d4 a4 7.Lf4 a3 8.Lg3 a2 9.f4 a1=S 10.Kf2 Sb3 11.cxb3 c2 12.b4 c1=S 13.Dc2 Sd3+ 14.exd3 e5 15.Le2 e4 16.Lg4 e3+ 17.Kf3 e2 18.Lh3 e1=D 19.Se2 f5 20.Sc1 De7 21.Dxc8+ Dd8 22.Dc6 Dg5 23.fxg5 f4 24.Kg4 f3 25.Sa2 f2 26.Tc1 f1=D 27.Tcc5 Df6 28.Tf5 Dd8.

Nicht nur das sehr einheitliche Thema gefällt mir an dieser Aufgabe so gut: Es kommen noch Feinheiten hinzu, wie beispielsweise die Ordnung der Umwandlungen „von links nach rechts“. Für mich eine sehr gelungene „Beweispartie der Zukunft“.

Übrigens fällt mir jetzt beim Schreiben auf, dass meine Schlussbemerkungen zusätzliche Hinweise zur Lösung geben. Sollte ich diese Zusammenfassung auch noch „verstecken“? Dazu interessiert mich eure Meinung, ebenso wie generell zur „Spoiler-Idee“!

2 thoughts on “Retro der Woche 18/2019

  1. Die generelle „Spoiler-Idee“ ist sehr gut.
    Ob spezielle Bemerkungen mit zusätzlichen Hinweisen angebracht sind oder nicht, hängt vom Leser/Löser ab. Solche andeutenden Bemerkungen können eine Aufgabe ja auch besonders interessant machen.
    Werner Keym

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