Retro der Woche 02/2015

Kuriose Zufälle gibt es manchmal…

Das folgende Stück von Gerd Wilts wurde im Phénix Turnier 2004 mit dem vierten Preis ausgezeichnet, und das wollen wir uns genauer anschauen.

Gerd Wilts
Phénix 2004, 4. Preis
Beweispartie in 18,5 Zügen (14+14)

 

Zählen wir die weißen Züge, so stellen wir fest, dass alle im Diagramm verbraucht sind: 2+1+4+4+4+4=19. Daraus ergibt sich auch, dass Weiß rochiert haben muss, denn ansonsten benötigte der weiße König drei Züge bis b1. Ferner ist klar, dass die drei Zentralbauern des Weißen jeweils einen Doppelschritt gemacht haben müssen. Sie also können nicht trickreich die beiden fehlenden schwarzen Bauern geschlagen haben.

Außerdem können die beiden fehlenden weißen Steine (Bc2 und Bg2) nicht gezogen haben, müssen also zu Hause geschlagen worden sein. Nur von wem?

Dafür kommen nur die beiden fehlenden schwarzen Bauern in Frage, denn sie können nicht auf ihrer Reihe geschlagen worden sein, und um auf eine andere Reihe zu wechseln, benötigen sie ein Schlagobjekt – und das muss der jeweilige weiße Bauer sein. [Bf7] muss sich umgewandelt haben, denn er kann nicht auf g2 geschlagen worden sein. Wie aber schaut es mit [Bd7] aus – der kann doch auf c2 vom Turm geschlagen worden sein?

Das kann aber auch nicht funktionieren, da dann der „vordere Turm“ (also der auf c4) hätte schlagen müssen, denn er brauchte schon die offene c-Linie, was wir wegen der ausgeschöpften weißen Züge wissen; er musste direkt von c1 nach c4 ziehen.

Also muss auch [Bd7] umgewandelt haben – und zwar vor der weißen Rochade. Denn ansonsten wäre er sich mit dem weißen König in die Quere gekommen.

Also musste der Umwandlungsstein sich mit mindestens zwei Schritten von c1 entfernen, um die weiße Rochade zu erlauben. Ebenso musste der umgewandelte f-Bauer g1 wieder verlassen, um [Th1] durchzulassen. Wieso konnte der sein Eckchen nicht vorher verlassen? Auf g2 stand vor der Umwandlung erst noch [Bg2], dann [Bf7], so dass erst nach dessen Umwandlung [Lf1] via h3 in zwei Zügen nach c8 kommen konnte.

Nun ist es spannend herauszufinden, welche Umwandlungen auf c1 und g1 möglich waren: Schwarze Damen und Türme scheiden aus, da sie irgendwann dem weißen König Schach geboten hätten, das mit den zur Verfügung stehenden weißen Zügen nicht hätte pariert werden können. Also bleiben nur Läufer oder Springer übrig.

Versucht nun selbst herauszufinden, welche Umwandlungen das waren – und wo dann die Umwandlungsstein geschlagen worden sind.

1.Sc3 d5 2.Se4 d4 3.Sg5 d3 4.e4 dxc2 5.d4 Ld7 6.Le3 c1=S 7.Da4 Se2 8.b3 Sg3 9.OOO f5 10.Kb1 f4 11.Tc1 f3 12.Tc4 fxg2 13.f4 Lc6 14.S1f3 g1=S 15.Lh3 S1e2 16.Lc8 Sc1 17.Thxc1 Se2 18.T1c2 Sg1 19.Lxg1.

Die beiden Umwandlungsspringer sind also jeweils auf dem Umwandlungsfeld ihres Kollegen geschlagen worden! Ein tolles Thema, wie ich finde.

Was hat das alles mit Zufall zu tun? Erst einmal gar nichts! Aber im gleichen Heft von Phénix ist eine Aufgabe von Reto Aschwanden erschienen, die ein sehr ähnliches Thema zeigt.

Reto Aschwanden
Phénix 2004, 3. Preis
Beweispartie in 13 Zügen (14+14)

 

Hierzu verrate ich die Lösung nicht; mit der Kenntnis von Gerds Stück sollte sie euch auch nicht schwer fallen.

Der Preisrichter Vlaicu Crisan meinte übrigens, es sei reine Geschmackssache, welches Stück man vorziehe: Das elegantere von Reto oder das tiefere, komplexere von Gerd. Wie seht ihr das, wie hättet ihr als Preisrichter entschieden?

4 thoughts on “Retro der Woche 02/2015

  1. mir gefällt die aufgabe von gerd wilts besser. sie wirkt mit den beiden gleichartigen umwandlungen (je in springer) auf mich einheitlicher.

  2. Retos Problem (P1013115; von 2003!?) ist sehr zeitökonomisch, zeigt das Thema aber mit etwas anderen Umwandlungssteinen. Das Thema von Gerd Problem, mit zwei Springern als thematischen Umwandlungsfiguren, scheint mir schwieriger darstellbar zu sein, und auf den ersten Blick (der bei mir allerdings nicht unbedingt das letzte Wort hat) hätte ich Gerds Problem die höhere Plazierung gegeben.

    • Zu der Frage nach „2003“: Retos Problem war im Dezember 2003 verdruckt publiziert worden; die richtige Stellung wurde dann 2004 als neuer Urdruck veröffentlicht und nahm so am Informalturnier 2004 teil.

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