Retro der Woche 19/2014

Ich hatte kürzlich auf die Online-Verfügbarkeit aller Ausgaben von Thema Danicum hingewiesen und erwähnt, dass dort auch Retros zu finden sind. Hervorragende sogar, wie man an der heutigen Aufgabe sehen kann, die ich dem Preisbericht aus dem allerletzten TD-Heft entnommen habe. Dabei ist anzumerken, dass Retros hier stets zusammen mit den Märchenaufgaben bewertet wurden.

Umso überraschender erscheint dann der erste Preis gegen starke Märchen-Konkurrenz –- vielleicht aber doch nicht so überraschend, wenn man das Thema der Beweispartie und den Preisrichter kennt…

Gianni Donati
Thema Danicum 2006 (für LM), 1. Preis
Beweispartie in 24 Zügen (12+16)

 

Schauen wir uns die schwarze Bauernstruktur an, so sehen wir sofort zwei Schläge (exdxc), ferner muss [wBb2] auf der b-Linie geschlagen worden sein. Wenn wir nun schwarze Züge zählen, so kommen wir bereits auf 24 (3+2+3+5+4+7); dabei müssen wir berücksichtigen, dass sTh3 drei Züge von h8 brauchte; Kreuzschläge auf der g- und h-Linie scheiden wegen des nur noch einen fehlenden weißen Steins aus.

Ebenso stellen wir fest, dass [wBb2] zu Hause geschlagen wurde, da bei den minimalen schwarzen Zugwegen nur sLb2 die b-Linie betreten haben konnte.

Weiß0 muss ja eigentlich gar nicht viel tun; er muss nur sD und sL auf die erste Reihe kommen lassen und darf die anderen schwarzen Züge nicht behindern. Da liegt es nahe, auch wirklich „nichts“ zu ziehen, stattdessen einfach Wartezüge zu machen. Das könnte dann so ausschauen:

1.d3 h5 2.Lf4 Sh6 3.Ld6 exd6 4.Sc3 Dg5 5.Sb1 Dc1 6.Sc3 g5 7.Sb1 Lg7 8.Sf3 Lxb2 9.Sg1 f6 10.Sf3 Kf7 11.Sg1 Te8 12.Sf3 Te3 13.Sd4 Th3 14.e3 Kg6 15.Le2 Sf7 16.Lf3 Sh8 17.Lc6 dxc6 18.OO Lg4 19.Kh1 Le2 20.Sf3 Lxf1 21.Sg1 c5 22.f3 Sc6 23.a3 g4 24.??? Kg5.

Ganz klappt das nicht, denn zum Schluss fehlt ein weißes Tempo! Nun solltet ihr euch überzeugen, dass z.B. der [wLf1] auf seinem Weg nach c6 kein Tempo verlieren kann, etwa 17.Le4?, aber Schwarz hat nun keinen Wartezug. Auch der andere wL taugt hierfür nicht, da er sich schnellstmöglich opfern muss.

Also muss Weiß sich anderes einfallen lassen, so bietet sich ein Dreiecksmarsch der weißen Dame auf der ersten und zweiten Reihe an. Aber der funktioniert so einfach nicht, da die schwarze Dame ja sehr früh nach c1 muss und dadurch den weißen Stein auf d1 fesselt.

Das bringt uns vielleicht auf den zunächst kurios erscheinenden Gedanken, die wD als gefesselten Stein temporär abzulösen, um sie zu befreien, um ihr die Möglichkeit zum Tempoverlust zu geben.

Reichlich kompliziert ist das: Dafür müssen zunächst wD und wSb1 ihre Plätze tauschen, und dann im Endeffekt auch die beiden weißen Springer, um der Dame ihren fünfzügigen Rundlauf zu ermöglichen.

Mit diesen Hinweisen sollte es für euch dann nicht mehr allzu schwierig sein, die Lösung herauszufinden:

1.d3 h5 2.Lf4 Sh6 3.Ld6 exd6 4.Sc3 Dg5 5.Db1! Dc1+ 6.Sd1 g5 7.a3 Lg7 8.Da2 Lxb2 9.Dc4 f6 10.Dg4 Kf7 11.Sf3 Te8 12.Sd2 Te3 13.Sb1 Th3 14.e3 Kg6 15.Le2 Sf7 16.Lf3 Sh8 17.Lc6 dxc6 18.OO c5 19.Sdc3 Sc6 20.Dd1 Lg4 21.Kh1 Le2 22.f3 Lxf1 23.Se2 g4 24.Sg1 Kg5.

Preisrichter Thomas Maeder ist eigentlich ein ausgewiesener Hilfsmatt- und Märchenspezialist, hat aber dort eine Vorliebe für interessante Tempospiele – und die fand er hier reichlich. Auch mich begeistert die Aufgabe, die zeigt, dass auch im „klassischen Bereich der Nicht-Umwandlungen“ noch hervorragende Aufgaben gebaut werden können.

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