Retro der Woche 25/2020

Heute und in zwei Wochen möchte ich euch jeweils eine interessante Beweispartie aus dem letzten Jahr vorstellen, die in Phénix veröffentlicht wurde. Beide sind hoch originell und haben thematische Ähnlichkeiten, die das Vergleichen doppelt interessant machen.

Pascal Wassong
Phénix 2019
Beweispartie in 19,5 Zügen (16+15)

 

Das Brett ist ziemlich voll: Es fehlt nur [Bd7], der offensichtlich auf d3 geschlagen wurde. Und dieser Schlagzug ist neben h3 der einzige sichtbare weiße Zug.

Aber das sollte uns jetzt im Löse-Sinne nicht beunruhigen, dass 18 weiße Züge noch frei sind: Umwandlungen können wir zwar auf beiden Seiten ausschließen, aber irgendwie muss ja sTh2 in den weißen Königsflügel gelangt sein…

Zählen wir also zunächst einmal die sichtbaren schwarzen Züge: das sind 2+2+5+2+2+3=16. Hinzu kommen noch die drei Züge des [Bd7], und damit sind alle schwarzen Züge erklärt. Dabei haben wir berücksichtigt, dass [Th8] nicht direkt über die e-Linie nach e1 und von dort nach h2 gelangen kann, sondern via h6 einen Zug verlieren muss.

Damit können wir auch bereits eine „Teilordnung“ der schwarzen Zugreihenfolgen entdecken: sTe6-e1 muss vor Bf7-f6 und Be7-e5 erfolgt sein, Sd5 muss vor f7-f6 oder nach e5-e7 erfolgt sein; vorher muss die schwarze Dame schon auf f3 stehen. Lf8-e7-d8 ist erst nach e7-e5 möglich, Ke8-f7-g6 erst nach f7-f6.

Wenden wir uns nun der Frage zu, welche Vorbereitungen bei Weiß erforderlich waren, um sTh2 durchzulassen. Natürlich muss der komplette weiße Königsflügel frei- und anschließend wieder eingeräumt werden.

Dazu muss der Läufer nach g4 ausweichen, auf f3 kann der Springer oder die Dame Unterschlupf finden. Wieso die Dame? Sie muss ihr Feld räumen, um [Th1] die Räumung von h1-e1 zu ermöglichen. Damit benötigt die Dame oder der Springer wie der Läufer vier Züge, der andere Offizier wie auch der Turm jeweils zwei Züge. Der König hat angesichts der schwarzen Dame auf d5 bzw. f3 nicht die Möglichkeit, irgendwie über die e-Linie Platz zu schaffen; er muss via Rochade „außen herum“ laufen. Dafür benötigt er sechs Züge, und zusammen mit den beiden Bauernzügen sind damit alle 20 weißen Züge erklärt.

Nun sollte es nicht mehr allzu schwer sein, die genaue Zugfolge zu entwickeln:

Lösung

Sehr elegant: schlagfreie Rundläufe von König, Springer und Turm, schlagfreie Rückkehren von Dame und Läufer in Verbindung mit kompletter Wieder-Errichtung des Königsflügels nach kurzer Rochade –- alles nur, um den schwarzen Turm einzulassen.

In dieser Kombination dürfte das neu sein; schön und erfreulich ist es sowieso, wie ich finde!

Wieso spreche ich übrigens beim Turm von „Rundlauf“, beim Läufer von „Rückkehr“? Nun, der Läufer kehrt auf demselben Weg heim, wie er hinausgegangen ist: Rückkehr. Der Turm hingegen macht den Weg Th1-f1 (via Rochade) -d1-h1; Hin- und Rückweg nach bzw. von d1 sind unterschiedlich, also „Rundlauf“ im schachlichen Sinne, auch wenn das unserer geometrischen Vorstellung widerspricht.

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