Retro der Woche 37/2019

Hatte ich in der letzten Woche hier vom Murfatlar-Turnier in Vilnius berichtet, so möchte ich heute den Sieger der „Beweispartien“-Abteilung des Champagne-Turniers, das Michel Caillaud bereits seit vielen Jahren ausrichtet, vorstellen. Es ging um „Bahnung“ gemäß folgender Definition:

A piece, white or black, (retro-)leaves square x.
Another piece of same color (retro-)plays in same direction, crossing square x.

Ein Stein, weiß oder schwarz, verlässt (in einem Retro-Zug) Feld x.
Ein anderer Stein gleicher Farbe spielt (in einem Retro-Zug) in dieselbe Richtung und überquert dabei Feld x.

Michel vergab jeweils sechs Preise, ehrende Erwähnungen und Lobe bei 22 korrekten Einsendungen; der erste Preis und damit — welche Überraschung bei dem Turniernamen! — eine Flasche Champagner ging nach Japan:

Hitoshi Yanami
Champagne Turnier 2019, 1 Preis
Beweispartie in 20 Zügen (14+14)

 

Schnell sieht man, wie die fehlenden Figuren (beide Damen, weißer Springer und schwarzer Turm) geschlagen wurden: bxa und d7xc6 die beiden weißen, axb und c2xd3 die beiden schwarzen.

Zählt man nun die sichtbaren weißen und schwarzen Züge, so kommen wir bei Weiß auf 0+0+4+2+0+7=13 sowie bei Schwarz (unter Berücksichtigung der möglichen langen Rochade) auf 2+0+2+3+4+4=15 Züge. Weiß benötigt darüber hinaus mindestens 2+3 Züge, um Dame und Springer aktiv loszuwerden, Schwarz für Dame und Turm 2+2 oder 1+3. Hierbei haben wir angenommen, dass sTh6 via langer Rochade auf die d-Linie gelangt ist. Kommt er hingegen von h8, benötigt er einen Zug mehr –- den dann allerdings sein Kollege von a8 einspart.

Damit bleiben noch zwei weiße und ein schwarzer Zug frei.

Und genau diese beiden freien Züge sind bei Weiß nicht so leicht zu entdecken (der freie schwarze schon eher), und das war mit ein wichtiger Grund für Michel, diesem Stück den ersten Preis zu geben, obgleich auch der thematische Inhalt hier hervorragend ist.

Und auch der ist im Diagramm tief verborgen, auch wenn wir ja wissen, dass „irgendwie“ gleichfarbige Bahnung eine Rolle spielen muss.

Michel hat in seinem Preisbericht einige Qualitätskriterien angegeben, die er bei der Erstellung dieses Preisberichts angewendet hat:

  • Direkte Folge der thematischen Züge
  • Schlagfreie thematische Züge
  • „Dichte“ (die Idee ist nicht in vielen Zügen verwässert)
  • „Unsichtbarkeit“ (die Idee kann man im Diagramm nicht unbedingt erahnen)
  • Einheitliche Strategie im Spiel (nicht nur die Verbindung verschiedener Effekte)

Diese Kriterien werden von Yanamis Aufgabe hervorragen erfüllt – und gerade weil sie vielleicht nicht auf den ersten Blick zu lösen ist, empfehle ich euch, selbst eine Weile zu versuchen, sie zu knacken.

Lösung


Hier haben wir eine vierfache, im Diagramm nicht sichtbare Bahnung im 9. bis 12. Zug: Einer der Themasteine wird geschlagen, die drei anderen verlassen die Themalinie: Versteckter geht es kaum.

Und nun seht ihr auch, was mit den beiden freien weißen Zügen passiert ist: Die „Minimal-Zählung“ funktioniert in der Praxis nicht wegen schwarz-weißer Verbahnung. Das passt nach meinem Geschmack als eine Art Kontrapunkt hervorragend zum thematischen Anteil der Lösung.

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