Retro der Woche 24/2019

Dürfte ich nur ein einziges Heft einer Problemschachzeitung mit auf die berühmte „einsame Insel“ nehmen, wäre dies mit Sicherheit feenschach-Heft 192, III-IV/2012: 48 Seiten voll nur mit Preisberichten und großartigen Artikeln — alle über Retros, überwiegend über orthodoxe Auflöse-Aufgaben.

Highlight in diesem Highlight-Heft ist für mich der beinahe 28 Seiten (!!) umfassende Artikel „Retrocages and Retroclusters: a Subjective Perception“ von Andrej Frolkin und Andrej Kornilow mit 78 ausführlich kommentierten Beispielen.

Heute habe ich daraus ein Stück, das nicht allzu schwer zu lösen ist, ausgesucht: Vielleicht motiviert euch das, selbst Löseversuche anzustellen, bevor ihr nachschaut…

Dragan Lj. Petrović
Pavlović Gedenkturnier 1981, 1. Preis Gruppe A
Welches waren die letzten Züge? (15+16)

 

Das Turnier war als 61. Thematurnier von der jugoslawischen Zeitschrift Problem zum Gedenken an Branko Pavlović (6.8.1906-21.5.1980) ausgeschrieben, der hauptsächlich Last Mover und Hilfsrückzüger komponierte.

Beim ersten Blick auf das Diagramm fällt gleich der riesige Knoten im Norden auf, ebenso das Schachgebot der weißen Dame gegen den schwarzen König — und dass nur ein einziger Stein fehlt, ein weißer Turm, der offensichtlich auf g6 oder g5 geschlagen wurde.

Wie aber können wir den Knoten lösen? Dazu muss [Ke1] herausgespielt werden, damit alles nach R: Sd/f6-e8 frei gespielt werden kann. Dazu aber muss [Ke8] ins Freie, und das kann er erst…

… nachdem einerseits der weiße Turm entschlagen wurde und andererseits Weiß h4-h5 zurückgenommen hat. Das geht erst, nachdem Schwarz Lg3-g4 zurückgenommen hat. Dafür muss allerdings schon g2-g3 zurückgenommen sein, das erst möglich ist, nachdem [Lf1] von b1 nach Hause gespielt worden ist.

Schnell sehen wir auch, dass der fehlende Turm auf g6 geschlagen wurde: Nähmen wir f6xTg5?? zurück, könnte wTa7 nie mehr den Norden verlassen und nach Hause kommen; also ist dieser Entschlag illegal.

Aber zunächst muss Weiß natürlich das Schach aufheben und anschließend dem schwarzen König Bewegungsfreiheit schaffen, um schwarzes Retropatt zu vermeiden.

Das geschieht nun durch zwei hübsche Manöver, zunächst eine sehr schöne Bahnung und anschließend durch ein systematisches Turm-Manöver. Und damit seid ihr schon beinahe bei der Lösung, die nun nicht mehr schwer zu finden sein sollte:

Lösung
R: 1. Da1-g7+ f7xTg6 2. Lb2-h8 Kh8-h7 3.Tf6-g6+ Kh7-h8 4.Tf5-f6+ Kh8-h7 5.Te5-f5+ Kh7-h8 6.Te4-e5+ Kh8-h7 7.Td4-e4+ Kh7-h8 8.Td3-d4+ Kh8-h7 9.Tc3-d3+ Kh7-h8 10.Tc2-c3+ Kh8-h7 11.c3-c4+, dann etwa Se4-a5, Tc1-c2, Lf1-g2-e4-b1, g2-g3 Lg3-h4 h4-h5, und alles löst sich wie oben kurz beschrieben auf.

Warum kann Weiß eigentlich nicht schon früher c3-c4 zurücknehmen?

Antwort
Weil dann der weiße Turm nicht mehr nach a1 zurückkäme (wTa7 muss via h3 nach h1 gespielt werden): Über den Südwesten wäre das nicht mehr möglich, da dort keine freie Linie mehr ist – ein hübsches „Echo“ zu wTa7, der ja nach f6xTg5?? Im Norden eingesperrt bliebe – und der Weg über den Südosten bereits durch Lf1 versperrt ist.

Eine wuchtige Stellung mit sehr eleganter und gar nicht so schwerer Lösung — ich hoffe, das Stück gefällt euch genauso gut wie mir!?

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