Retro der Woche 35/2017

Während des WCCC in Dresden ist das FIDE-Album 2010-2012 erschienen. Die Retros sind dieses Mal „nur“ mit 63 Aufgaben vertreten, aber das sind 63 Knüller -– ich kann euch das Album natürlich auch wegen der anderen Rubriken nur ans Herz legen.

Ein Stück möchte ich dabei heute herausgreifen, das mich einfach ob seiner Eleganz begeistert.

Silvio Baier
Orbit 2010
Beweispartie in 18 Zügen (13+13)

 

Sofort fällt die weiße Homebase Position auf, sodass wir im Moment noch nichts über geschehene weiße Züge aussagen können.

Anders schaut es bei Schwarz aus: Hier zählen wir 4+2+5+0+0+5=16 Züge; zwei schwarze Züge sind also frei. Wirklich?

Damit die schwarzen Türme ihre Diagrammfelder erreichen können, muss [sSb8] gezogen haben und wieder zurückgekehrt sein, denn [Ta8] kann nur via b8 und b7 nach d7 gelangt sein . Also benötigen wir weitere zwei schwarze Züge. Damit sind es 18, damit sind alle schwarzen Züge ausgeschöpft.

Was sagt uns das noch? Zunächst einmal, dass die fehlenden schwarzen Steine [Be7], [Bf7],
[Lf8] alle zu Hause geschlagen worden sind, da für sie keine Züge zur Verfügung stehen. Dabei müssen wir beachten, dass sBd5 sein Diagrammfeld in einem Zug erreicht hat, damit kann er weder [Be7] noch [Bf7] sein: Die brauchten beide zwei Züge nach d5.

Hieraus erkennen wir, dass keiner der fehlenden weißen Bauern direkt geschlagen worden sein kann. Sie müssen also alle drei umgewandelt haben, um sich dann schlagen zu lassen. Und dafür steht für jeden Stein nur genau ein Zug zur Verfügung.

Wir können aufgrund unseres bisherigen Wissens über die Stellung sogar schon feststellen, wo die Bauern umgewandelt haben, da sie ja die fehlenden schwarzen Steine wegräumen mussten. Alle drei müssen auf f8 umgewandelt haben, und das erfordert folgende Schläge: d6xBe7=Lf8, e6xBf7.

Nun wissen wir, wo die Bauern umgewandelt haben, nun müssen wir nur noch eruieren, wo sie geschlagen worden sind? Das muss auf Feldern geschehen sein, die von Schwarz sowieso betreten worden sind, denn für Umwege hat Schwarz keine Zeit. Von f8 als mögliches Opferfeld kommt nur d7 in Frage! Damit wissen wir, dass Weiß drei Springer erwandelt hat, die dann jeweils auf d7 (von K, S und T) geschlagen worden sind.

Nun ist es leicht, die richtige Zugfolge zu finden:

1.d4 h5 2.d5 h4 3.d6 Th5 4.dxe7 Ta5 5.exf8=S d5 6.Sd7 Kxd7 7.f4 Kc6 8.f5 Kb5 9.e4+ Ka4 10.e5 c6 11.e6 Db6 12.exf7 Db3 13.f8=S b6 14.Sd7 Sxd7 15.f6 Tb8 16.f7 Tb7 17.f8=S Sb8 18.Sd7 Txd7.
Schaut man ausschließlich auf die Umwandlungs- und Opfer-Thematik, könnte man sagen: Alter Hut, drei Ceriani-Frolkin-Springer hat schon Michel Caillaud 1982 dargestellt (P0002247; im gleichen Jahr hat er gar vier (schwarze) C-F-Springer geschafft: P0002246).

Das wäre aber deutlich zu kurz gegriffen: Hier haben wir nicht „einfache“ C-F-Umwandlungen, sondern alle drei umgewandelten Steine wurden nicht von Bauern geschlagen (Prentos-Thema), das deutlich schwerer darzustellen ist. Und dann diese unglaubliche Eleganz: Alle Umwandlungen auf dem gleichen Feld, alle Opfer auf dem gleichen Feld, in minimaler Zügezahl (damit erhält man zur Belohnung die Homebase geschenkt) – für mich eine „Mozart’sche Beweispartie“!

8 Gedanken zu „Retro der Woche 35/2017

  1. This Silvio´s PG shows, compared to Reto´s, what Zivko Janevsky named
    „The small great difference“. Both PGs show the same basic thematic contents,
    triple Kostas Prentos capture of knights, 18 moves and the thematic side being
    homebased at the end (Reto and Silvio).
    But the three promotions and captures on the same square make „the small
    difference“, building an small perfect piece. I would say Schumann instead
    of Mozart.
    As far as I know, there are no quadruple Prentos rendition. In fact, I think
    this PG is the only one showing triple Prentos with pieces of the same type.
    Am I missing something?

    • Es gibt auf jeden Fall noch die folgende BP mit Tripelprentos(LLL): Silvio Baier, P0302 StrateGems 54, 2011, 1.e.E.: 1.d4 g5 2.d5 Lg7 3.d6 Kf8 4.dxc7 d5 5.a4 Dd7 6.a5 Dh3 7.a6 Lg4 8.axb7 a5 9.c8=L Ta6 10.Le6 Txe6 11.b4 Sa6 12.b8=L f5 13.Le5 Lxe5 14.b5 Sf6 15.b6 Tg8 16.b7 Tg6 17.b8=L Th6 18.Ld6 Lxd6

    • It is interesting that besides the PG by Reto (Probleemblad 2002) mentioned in the comments, there is also an older one by Caillaud from 1996, showing the triple Prentos theme with the same type of C/F piece for the first time (see P0008496 in PDB). The main difference here is that the thematic squares on which the promoted pieces were captured are not the same (d7/e7/e7). Somehow, despite its obvious value with respect to originality, this was the only PG of the three that did not make it to the FIDE Album.

  2. Lieber Thomas,
    vielen Dank für die warmen Worte. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf den Beitrag von Thomas zu Reto Aschwandens 40. Geburtstag und meinen dortigen Kommentar hinweisen (http://www.thbrand.de/2014/10/12/reto-aschwanden-40/). Für die Bestimmung der Schlagreihenfolge auf d7 war entscheidend, dass Kb5 vor e4+ und damit vor der zweiten weißen Umwandlung erfolgen muss. Und damit ergab sich diese Beweispartie fast von selbst.

    Weiß jemand, ob es einen Preisbericht zu diesem Informaturnier gibt? Mir ist bislang keiner bekannt.

      • Ein Vierfachprentos ist mir nicht bekannt. Es gibt 2x Prentos (LL) + 2x normales Ceriani-Folkin-Thema (LL) und Prentos(ss) + CF(LL).

      • In fact, there is one such example showing the theme of my 40th JT (the so-called Prentos theme), in two-solutions form:

        Mark Kirtley, StrateGems 2016 (74/P0416):
        i) 1.f4 b5 2.f5 b4 3.f6 b3 4.fxg7 bxc2 5.gxf8=S cxb1=D 6.Se6 Dxc1 7.Sc5 Dxc5 8.g4 Dxg1 9.g5 Dxh2 10.Lh3 Dxh3 11.Txh3 a6 12.Tf3.
        ii) 1.h4 b5 2.h5 b4 3.h6 b3 4.hxg7 bxc2 5.gxf8=L cxb1=T 6.Lg7 Txc1 7.Lc3 Txc3 8.Sf3 Txf3 9.g4 Txf2 10.g5 Txf1+ 11.Txf1 a6 12.Tf3.

        The thematic AUW is a nice addition. The award by Nicolas Dupont is planned to be published in the October 2017 issue of StrateGems.

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