Retro der Woche 06/2014

Besonders gründliche und treue Leser dieses Blogs werden, wenn sie sich mit dem heutigen Retro der Woche beschäftigt haben, vielleicht sagen: „Dieses Thema hatten wir hier doch schon einmal?“

Darauf komme ich zum Schluss noch einmal zurück; nun aber sollten wir zunächst einen Blick auf die heutige Aufgabe werfen, die nun schon beinahe (sie wurde im April veröffentlicht) 15 Jahre alt ist, aber mich immer noch mit ihrer Eleganz und Prägnanz begeistert.

Michel Caillaud
Problemesis 1999, 1. Preis
Beweispartie in 17 Zügen (13+13)

 
Betrachtet man die sehr offene Diagrammstellung, so sieht man zunächst nur fünf weiße (1xL, 2xS, 2xB) und drei schwarze (3xB) Züge – das hilft zunächst noch nicht viel weiter.

Hilfreich ist allerdings dann die Betrachtung, was denn auf dem Brett fehlt, welche Steine also geschlagen worden sein müssen.

Da stellt man fest, dass jeweils drei Bauern fehlen – und die beiden Schläge des schwarzen Bauern auf h4 können dabei keinen der fehlenden weißen Bauern direkt vom Brett genommen haben.

Also brauchen wir weiße Umwandlungen, damit Schwarz auf der g- und der h-Linie zwei weiße Steine schlagen kann. Und damit hilft und das Züge-Zählen doch noch deutlich weiter: Wir haben fünf weiße Züge im Diagramm gezählt, zusätzlich zwei weiße Umwandlungen sowie zwei Züge auf die g- und die h-Linie: Damit sind die 17 bereits „voll“.

Stellen wir uns nun die Frage, wo denn die beiden Umwandlungen erfolgt sind, so kommt für beide nur das Feld d8 in Frage: Von anderen Umwandlungsfeldern ist ein einzügiger Hinzug auf das zukünftige Schlagfeld nicht möglich (warum geht das nicht von e8 aus?).

Und damit steht auch bereits fest, welche Bauern sich auf d8 umgewandelt haben, nämlich der c-Bauer (c7xd8=X und der d-Bauer (dxe, e7xd8=X); damit sind alle Schlagfälle des weißen erschöpft. Damit ist auch klar, dass sBh4 der [sBf7] ist und f6xg5xh4 gezogen hat.

Aber nun brauchen wir noch die Schlagopfer auf d8 – und das anschließende Wiederbesetzen des Feldes muss dann auch erklärt werden: Hierzu stehen noch die beiden schwarzen Bauern von c7 und b7 zur Verfügung. Beide müssen auf b1 umgewandelt haben, um dann nach d8 gezogen haben. Der Weg von b1 nach d8 dauert mindestens zwei Züge, das gleich zwei Mal macht zusammen mit den beiden Bauernreisen genau 14 Züge – plus der drei anderen schwarzen ist auch damit das Zuglimit erreicht.

Damit ist einerseits das „X“ von oben erklärt: in einem Zug von d8 nach g5 bzw. h4 kommen nur Läufer oder Damen. Da aber Schwarz seinen König nicht gezogen haben kann und eine weiße Dame auf d8 Schach geboten hätte, müssen beide Umwandlungssteine auf d8 Läufer gewesen sein.

Und die „Ersetzungssteine“ auf d8 müssen Damen gewesen sein: Andere Steine kommen nicht in zwei Zügen von b1 nach d8.

Damit haben wir vor 15 Jahren bereits eine „Beweispartie der Zukunft“ mit Ceriani-Frolkin und Pronkin; in deren Notation schaut das wie folgt aus: CF(LL)&PR(dd) mit den Umwandlungen jeweils auf einem Feld. Die auf d8 geschlagene Umwandlungsdame erfüllt natürlich auch die Ceriani-Frolkin-Definition.

Nun sollte es wahrlich nicht mehr schwer sein, die Zugfolge der Lösung zu finden:
1.d4 c5 2.d5 c4 3.d6 c3 4.dxe7 cxb2 5.Sc3 b1=D 6.exd8=L Db6 7.Lh4 Dd8 8.Sa4 b5 9.c4 b4 10.c5 b3 11.c6 b2 12.c7 b1=D 13.cxd8=L Db6 14.Ldg5 f6 15.g4 fxg5 16.Lh3 gxh4 17.g5 Dd8.

Preisrichter Hans Gruber kommentierte damals folgendermaßen: „A miracle. The black queen d8 is Black’s third queen, and both ‘elder’ ones were captured on d8(!) by white pawns promoting to bishops that afterwards are sacrificed. So we have doubled white Ceriani-Frolkin theme, and doubled black Pronkin theme (including one Ceriani-Frolkin), and everything happens on the same square. The position is beautiful with many pieces on their initial game array squares.

Auch mich begeistert die schnörkellose Eleganz, Harmonie und Leichtigkeit dieser Aufgabe – irgendwie muss ich dabei immer an Mozart denken…

Um auf die Anfangsfrage zurück zu kommen: Schaut euch das Stück des Retro der Woche 35/2013 (das Stück ist zwischenzeitlich mit einem Lob ausgezeichnet worden) noch einmal an: Gleiche Thematik. Vielleicht vergleicht ihr die beiden Stücke einmal? Mich würde eure Meinung dazu sehr interessieren!

4 thoughts on “Retro der Woche 06/2014

  1. Daß diese Aufgabe in meinen Augen ein Paradebeispiel für die harmonische Verbindung von Ceriani-Frolkin und Pronkin ist, sehe ich allein schon daran, daß ich mich beim ersten Blick darauf an das Stück erinnern konnte. Ich habe es auch sehr schnell in zwei Artikeln (Autor: ???, “Eindeutige Beweispartien”, S. 10, Nr. 36 und Baier/Dupont/Osorio, “Future Proof Games – A new challenging concept”, S. 33, Nr. 35), die mir spontan einfielen, wiedergefunden – und das werden sicher nicht die einzigen sein. Die Aufgabe ist für mich jedesmal wieder eine Augenweide. Ich glaube, anderen geht’s da sicher ähnlich wie mir, oder?

  2. Vielen Dank an Thomas, dass er diese BP hier vorstellt. Sie ist vermutlich DIE prägendste Beweispartie überhaupt. Die Technik der Damepronkins wurde in vielen anderen BPs verwendet (z.B. P1109978, P1232422, P1176392, P1198517) und auch diese schwierige Kombination aus Pronkins und Ceriani-Frolkins, bei der die späteren CF-Steine den Original- und den Pronkinstein schlagen, gab noch Anlass für weitere Darstellungen (z.B. P1246051, P1109979).

  3. ja, mozartlich leicht, finde ich auch! gibt es doch bei dieser aufgabe (wie beim letzten retro der woche) kaum störendes beiwerk: bei schwarz überhaupt keines (!) und bei weiß nur die beiden zugfolgen Sb1-c3-a4 und g4, Lh3,g5, welche aber in ihrem zusammenhang mit dem hauptgeschehen ganz leicht zu überblicken sind. zu den schon von thomas genannten prädikaten “prägnant”, “schnörkellos” möchte ich “geschlossen” und “einen klaren, nachhaltigen eindruck hinterlassend” hinzufügen.
    vielleicht ist es sprechend, dass ich mich an die vergleichsaufgabe (retro der woche 35/2013 von unto heinonen) überhaupt nicht mehr erinnern konnte. sie kam mir heute beim erneuten sichten wie neu vor. mit ihrer hohen zügeanzahl und dem (für mich) sehr verwickelten (um nicht zu sagen “krausen”) geschehen beeindruckt sie mich auch jetzt weit weniger als die heutige beweispartie. als löser hatte ich heute eine reale chance, bei dem unto heinonen-opus nicht die geringste.

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