Retro der Woche 16/2013

Platzwechsel finde ich meist sehr attraktiv, besonders, wenn sie unauffällig sind. Springer und Türme beispielsweise können ihre Plätze tauschen, ohne dass man dies der Diagrammstellung unbedingt sofort ansieht.

Aber auch unterschiedliche Figuren können „unsichtbar“ ihre Plätze tauschen — wenn sie dies gleich zwei Mal tun, also quasi zunächst „hin“ und anschließend wieder „zurück“.

Die beiden Argentinier, die unsere heutige Aufgabe gebaut haben, haben sich mit dieser Art des Platzwechsels, mit diesem sehr anspruchsvollen Thema schon intensiv beschäftigt. Versucht doch einfach mal, anhand der Diagrammstellung zu tippen, welche zwei Steine ihre Plätze getauscht haben und welches Manöver dies erforderlich gemacht hat.

Jorge Lois & Roberto Osorio
Mat Plus 2009, 1. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 18,5 Zügen (14+14)

Irgendwie scheint sich ja etwas auf der langen Diagonale h1-a8 abzuspielen: Könnte das vielleicht mit den Platzwechseln zusammenhängen?

Aber betrachten wir doch zunächst einmal die Bauernstruktur, mögliche Bauernschläge: sichtbar ist nur g7xh6: wer könnte sich dort geopfert haben?

Dies kann nur ein Turm oder eine Dame gewesen sein — im Falle der Dame muss sich dann der weiße Bauer d2 auf b8 in eine Dame umgewandelt haben, womit die beiden fehlenden schwarzen Steine erklärt wären.

Die Dame ist eigentlich ein recht plausibles Schlagopfer, da sie früh auf h6 erscheinen konnte, um dann auch den sTh8 heraus lassen zu können, der dann nach a6 ziehen konnte, bevor mit b7-b6 der schwarze Damenflügel geöffnet wurde.

Und der fehlende weiße Turm? der könnte, dazu passt ja b7-b6, auf a1 geschlagen worden sein. Und wenn wir weiterhin mit der wD als Umwandlungsstein (Phönix-Thema) spekulieren, muss noch die weiße Dame von b8 zurück gekommen sein, bevor wLc6 sein Ziel erreichen konnte. Bahnung und Verbahnung als Thema?

Mit diesen Überlegungen sollte es nicht mehr allzu schwer sein, die Lösung 1.d4 Sf6 2.Dd2 Tg8 3.Dh6 gxh6 4.Ld2 Tg6 5.La5 Sg8 6.Sc3 Ta6 7.Td1 b6 8.Td3 Lb7 9.Th3 Dc8 10.g3 Lxh1 11.d5 Sc6 12.dxc6 Db7 13.cxb7 Tc8 14.b8=D La8 15.Db7 Kd8 16.Dh1 Lb7 17.Lg2 Ta8 18.Lc6 Lc8 19.Dd5 zu finden.

Und da sehen wir auch das Bahnungs-Spiel auf der langen Diagonale — und bemerken den doppelten Platzwechsel von sTa8 und sLc8: Nach dem 14. schwarzen Zug haben sie ihre Plätze getauscht, nach dem 18. sind sie beide wieder zu Hause.

Preisrichter Gerd Wilts weist auch auf die Verbindung der beiden Themen hin: „Both themes are loosely coupled: the Bristol move Bh1-a8 is at the same time a part of the exchange of places.“ Eine wie ich finde sehr feine Aufgabe!

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