Selten hat wohl ein unscheinbarer, kurzer Artikel solch große Wirkungen für die Weiterentwicklung der Retroanalyse gezeigt wie Klaus Wendas „Beckmesser versus Stolzing. Reflexionen zur Legalität unter der Anticirce-Bedingung“ (feenschach XI-XII/2001, S.275-277). Am Beispiel der Anticirce-Antinomie „Schwarzer Bauer unter weißem Bauer ist illegal“ wies er darauf hin, dass die traditionell wenig berücksichtigt werde, da Legalitätsfragen im Märchenschach oft nicht gestellt werden. Geht man allerdings zu Retros über, so werden solche Überlegungen natürlich relevant, können gar eine wichtige inhaltlich-thematische Rolle spielen.
Er hatte bereits einige Proca-Verteidigungsrückzüger speziell mit verschiedenen Circe-Arten gebaut, und so bot sich an, seine These mit Anticirce-Procas zu untermauern.
Auch wenn einige Beispiele des Aufsatzes sich im Nachhinein als nebenlösig erwiesen, hat Klaus damit eine nicht zu erwartende Welle losgetreten, die auch 25 Jahre später noch gelegentlich wie ein „Retro-Tsunami“ wirkt, zu vielseitigen, tiefgründigen, teils hoch komplexen Aufgaben geführt haben, die damit allerdings für den Rezipienten eine relativ hohe Einstiegshürde aufbauen. Die zu überwinden, lohnt sich aber!
Zum Gedenken an Klaus, der am 11. April verstorben ist, möchte ich euch heute ein kleines, elegantes und gut nachvollziehbares Stück von ihm aus der „AC-VRZ-Frühzeit“ vorstellen.
idee&form 2003
#1 vor 3 Zügen. VRZ Proca, Anticirce Typ Cheylan (3+4)
Wir erinnern uns: Beim Typ Cheylan ist das Schlagen auf das circensische Partieanfangsfeld eines Steins nicht gestattet, da es als besetzt angesehen wird.
Bei Anticirce-Retros sind Steine auf ihren Partieanfangsfeldern besonders stark, da häufig zahllose Entschläge zurückgenommen werden können. Auch dies ist ein Grund für die Komplexität der Bedingung im Retro-Umfeld.
Hier fallen der weiße Bauer und besonders der weiße könig auf, der quasi auf dem ganzen Feld beliebige Entschläge vornehmen kann.
Welches Matt ist denn in dieser Aufgabe überhaupt denkbar? Könnten wir Schwarz zur Rücknahme der Rochade zwingen und irgendwie die 7. Reihe, speziell d7, decken, so wäre R. 1.g7-g8=L & vor: 1.g8=D# zielführend — auch unter Ausnutzung des Cheylan-Typs (1.— Sxg8??)
Unter Nutzung des weißen Bauern können wir Schwarz schon einmal zwingen, b7 zu blocken: R: 1.Ba5xBb5e.p.[Bb2] b7-b5, aber wichtiger ist natürlich die Kontrolle des Feldes d7. Wenn wir dabei auch noch die Rücknahme der schwarzen Rochade erzwingen, sind wir am Ziel.
Und einen solchen spektakulären Zug gibt es: 2.Kc6xTc7! Wieso?
Weiß setzt sich (optisch) einem Dreifachschach aus, da sBb7 und sSe7 wegen der Besetzung von c7 und g8 nicht Schach bieten; dies tut allein der Turm. Und der darf nicht einfach nach d7 wegziehen, da dies ein illegales Retrochach nun wirklich durch sBb7 bedeuten würde. Nun sehen wir also, weshalb wir auf b7 den Bauern implantieren mussten …
Wie aber kann Schwarz dann das Schachgebot zurücknehmen? Nur durch Besetzung des anticircensischen Wiedergeburtsfeldes des sTc7 nach Schlag auf c6, also des Feldes a8. Und das funktioniert nur durch Rücknahme der Rochade — und damit haben wir unser Ziel erreicht!
In der Zusammenfassung also:
Ein höchst elegantes Werbestück, wie ich finde, das nicht nur alle drei „Sonder-Züge“ des Schachs (= Valladao-Task) in Miniaturform zeigt, sondern auch eine anticircensische Besonderheit: Die Rochade bildet quasi ein „Abzugsschach“ in der „Batterie“ sTc7/sTa8-wKc6!Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen …