Retro der Woche 14/2026

Sicher seid ihr alle in dieser Nacht um kurz vor zwei Uhr aufgestanden, um die Uhren eine Stunde vorzustellen? Ja, eine kurze Nacht war das, mit der wieder die Sommerzeit begonnen hat.

Das hat mich veranlasst, heute ein Aufgabe von Bruno Sommer (20.3.1881 — 19.11.1971) herauszusuchen, der ein sehr vielseitiger Autor speziell im Bereich des direkten Matts, vom Zwei- bis zum Mehrzüger war, gelegentlich Hilfsmatts baute — und auch bemerkenswerte Retrostücke veröffentlicht hat. Schon deshalb bemerkenswert, weil er bereits früh die Ideen von Høeg und Proca zu Verteidigungsrückzügern aufgegriffen hat.

Ein ziemlich einfaches Stück — ihr habt ja alle wenig geschlafen — möchte ich euch heute zeigen: Nein, da möchte ich euch zum Selbstlösen anregen und einladen.

Bruno Sommer
Die Schwalbe 1952, 1. Preis
#1 vor zwei Zügen, Verteidigungsrückzüger (8+13)

 
Kein Hinweis auf Proca oder Høeg? Der fand sich auch beim Urdruck nicht; die Original-Forderung unter dem Diagramm (227-228 Die Schwalbe VII-VIII/1952, Nr. 8560) lautet: „Weiß nimmt 2X so zurück, dass er 1 Zug matt erzwingt“.

Das müssen wir natürlich zuerst einmal anschauen, warum der Autor auf diese Festlegung verzichten konnte? Aber vielleicht wollt ihr das vor dem „weiter“ Klicken selbst untersuchen?

Weiß kann nämlich in seinem zurückzunehmenden ersten Zug nicht entschlagen — warum nicht, sieht man doch nur einen von drei erfolgten Schlägen; es sind also noch zwei frei?


Die Konstellation im Südwesten ist trickreich: Da sBb2 von g7 kommt, kann der weiße Bauernschlag auf c3 also erst erfolgt sein, nachdem der Bauer auf b2 angekommen ist; also war das d2xZc3. Der schwarze Bauer hat fünf Mal auf schwarzen Feldern geschlagen, dafür stehen zur Verfügung: Dame, ein Turm, die Springer sowie zwingend der Läufer von c1 und der b-Bauer. Wieso kann der nicht auf b5 geschlagen worden sein? Weil dort der a-Bauer nach einem eigenen Schlag geschlagen wurde; auf c6 wurde dann ein anderer weißer Offizier geschlagen.

Also wurde der b-Bauer zuhause geschlagen? Überraschenderweise nein, denn bei cxb2 stand ja auch noch wBd2 zuhause — und damit wäre wLc1 noch eingeklemmt gewesen, hätte also nicht geschlagen werden können! Daher muss der b-Bauer auf c3 geschlagen worden sein, womit alle weißen Schläge erklärt sind: axb, b2xXc3 und d2xZc3. Also bleibt für die Rücknahme das offensichtlichen Tg4-d4+ kein Schlag auf d4 übrig.

Damit aber steht Weiß plötzlich im Schach — wie kann Schwarz das zurücknehmen?

Lösung

Die Rücknahme beispielsweise von 1… Tf8-d8+ ließe Weiß im Retropatt: Der weiße König hat keinen Zug, dxc3 würde den schwarzen Läufer illegal einklemmen, und die (schlagfreie!) Rücknahme eines Turmzuges ergäbe illegales Retroschach gegen den schwarzen König.

Damit ist R 1… O-O-O erzwungen, um gleichzeitig Schach und weißes Retropatt aufzuheben; dann kann Weiß leicht mit R 2. Th4-g4 & vor 1.Th8# die Forderung erfüllen.

Während das eigentliche Retrospiel recht einfach ist, ist die begründende Retroanalyse deutlich tiefsinniger, als man sie bei der recht lockeren Stellung vermuten würde.

3 thoughts on “Retro der Woche 14/2026

  1. Eine hübsche Aufgabe! Für mich ergeben sich hier 2 Überlegungen (hoffentlich nicht durch die “kurze Nacht” zu sehr beeinflusst):

    1.) Klar, da der wT zuvor “offensichtlich” auf g4 stand, kann Schwarz aus dem Schach gegen den wK nicht anders rücknehmen als mit 0-0-0, sonst hat Weiß keine weitere legale Rücknahme. Die alternativ zugtechnische Rücknahme R 1.Td7-d4+ könnte nicht zur Erfüllung der Forderung führen. Aber warum sollte der weiße V-Zug als Schlag ausgeführt werden (…& vor 1.T×h8#), es ist doch gar kein schwarzer Stein zum Schlagen übrig, wäre hier nicht …& vor 1.Th8# richtig?

    2.) Nach W. Dittmann dürfte in 1952 die Vorwärtsverteidigung noch ziemlich “uneinheitlich” verstanden worden sein, und im deutschsprachigen Raum hätte ihre Berücksichtigung damals wohl explizit noch als “mit VV” gefordert werden müssen. An sich hätte sie hier doch ganz einfach die Lösung verhindern können mit: R 1.wTg4-d4+ s0-0-0 & VV sBb2-b1=D/T#. Eben genau jener sBb2, der die R-Logik der schwarzen Rücknahme 0-0-0 wesentlich mitbestimmt (da der wK wegen ihm nicht auf c1 rücknehmen konnte). Das würde ich in aktueller Interpretation eher als Schwachpunkt ansehen…

    • Lieber Walter,
      zu 1: richtig, Typo im Vorwärtszug; korrigiert
      zu 2.: Ein Hinweis “mit Vorwärtsverteidigung” (bei Nicht-Høeg-VRZs, denn dort ist VV aufgrund des “Spiel-Charakters” sowieso erforderlich) wurde wohl 1977, also 25 Jahre später, erstmals von Günter Lauinger vorgeschlagen (“Verteidigungsrückzüger mit ‘Vorwärtsverteidigung’ “, Die Schwalbe Dez. 1977, S. 153f).

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