Retro der Woche 02/2021

Man kann schwerlich an Günther Weeth erinnern, ohne auf seine großartigen, phantasievollen und tiefgründigen Anticirce-Verteidigungsrückzüger einzugehen, die er mit vielen neuen Ideen versah. Meist sind sie von Wagner’scher Komplexität, doch ich habe für heute eine Co-Produktion von Günther Weeth und Klaus Wenda ausgesucht, die laut Preisrichter Thierry Le Gleuher „ausnahmsweise für diese Art von Problemen nicht sehr kompliziert“ ist. Aber elegant und witzig, das kann ich schon versprechen.
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Günther Weeth & Klaus Wenda
Die Schwalbe 2010, Korr.; 1. Lob
#1 vor 9 Zügen, VRZ Proca, Anticirce (4+8)

 

Die Aufgabe, ursprünglich von Günther Weeth im Oktober 2005 in der Schwalbe veröffentlicht, aber noch defekt, wurde dann von ihm zusammen mit dem Wiener Spezialisten komplett überarbeitet; die originell-witzige Idee (die sei hier schon verraten: Komplettverbau einer im Diagramm noch freien Linie) blieb natürlich erhalten.

Wir erinnern uns: Im Verteidigungsrückzüger will Weiß gegen die beste Verteidigung ein Matt vor der angegebenen Zügezahl erzwingen; Schwarz verteidigt sich. Beim Typ Proca entscheidet die Gegenpartei, ob ein Rücknahmezug ein Schlagfall war und welcher Stein entschlagen wurde — alles natürlich nur mit legalen (Rück-)Zügen.

Und bei der Anticirce-Bedingung entsteht der Schläger auf „seinem circensischen Ausgangsfeld“ neu; ist dieses besetzt, ist ein Schlag unmöglich. Für Retros heißt dies u.a., dass ein Stein unter der Anticirce-Bedingung nur entschlagen kann, wenn er auf seinem Partieanfangsfeld steht. Dies schränkt einerseits die potenziellen Schlagsteine ein, für die allerdings gibt es sehr viele Entschlagmöglichkeiten, da der Entschlag ja quasi „überall“ stattfinden konnte.

Versuchen wir zunächst einmal, eine Idee zu entwickeln, wo der schwarze König mattgesetzt werden könnte? Dafür bietet sich vielleicht das Eckfeld h8 an, denn einem Matt durch Bg7 stehen nur noch zwei Hindernisse gegenüber: Kxg7 und Kh7. Beide aber könnten, zöge der König nach h8 zurück, mit einem einzigen Rücknahmezug von Weiß beseitigt werden: wTh1 steht ja auf seinem Partieanfangsfeld, kann also „von überall“ auf einem weißen Feld entschlagen. Und dann würde die Rücknahme von Te7xBh7 beide Matt-Hindernisse beseitigen: h7 ist geblockt und auch Kxg7 ist unmöglich: Nicht, weil Be7 vom Turm gedeckt wäre: Das ist er nämlich nicht, da ja Weiß nicht vorwärts Te7xg7[Ta1]?? spielen könnte, da sei Wiedergeburtsfeld nun a1 wäre — das ist aber besetzt. Aber der schwarze König kann nicht schlagen, da sein Wiedergeburtsfeld e8 vom weißen Turm gedeckt ist: e8 ist im Gegensatz zu g7 ein weißes Feld!

Wie aber könnte Weiß nun den schwarzen König nach h8 zwingen? Etwa indem Schwarz ein Schachgebot mit einem Turm gegen den weißen König nicht durch Rückzug des Turms parieren könnte: Dann müsste er durch Besetzung des Wiedergeburtsfeldes, in diesem Falle h8, das Schach zurücknehmen.

Probieren wir also einfach R 1.Th1xTb1[Th1]: sTb1 bietet dem weißen König Schach, aber Schwarz wird das natürlich nicht durch Rücknahme von Kh8-g7 zurücknehmen, sondern besser durch Tb8-b1+.

Warum so weit weg? Weil Weiß nun den lustigen Turm-Generator anwerfen kann: 2.Th1xTb1[Th1] Tb7-b1+ … 7. Th1xTb1[Th1] Tb2-b1+. Und wenn man nun reflexartig 8.Th1xTb1[Th1] Kh8-g7+ zurücknimmt – hat man verloren! Warum?? Und wie kann man dann den achten Rücknahmezug besser machen? Das solltet ihr nun selbst herausfinden, bevor ihr nachschaut — das ist nicht so schwer!

Lösung

R 1.Th1xTb1[Th1]! (1.– Kh8-g7+? 2.Te7xXh7[Th1] & v: 1.g7#) 1.– Tb8-b1+ 2.Th1xTb1 Tb7-b1+ . . . 7.Th1xTb1 Tb2-b1+, und nun nicht 8.Th1xTb1? Kh8-g7+! Denn jetzt stehen 16 schwarze Steine auf dem Brett und Weiß besitzt kein Schlagobjekt auf h7, um das Matt zu erreichen, daher muss er seinen Plan modifizieren: 8.Te1xTb1(Th1)! Kh8-g7+ 9.Lg8-e6 & v: 1.g7#.

Der Preisrichter merkte an: „Retroaspekte spielen hier eine interessante Rolle, da das abschließende Matt nicht das des Vorplans sein kann, da keine schwarzen Steine ins Spiel zurückgebracht werden können, wenn man bereits 8 sTT entschlagen hat (sehr originell)!“

Und humorvoll, möchte ich ergänzen…

3 thoughts on “Retro der Woche 02/2021

  1. Günthers wunderbare humorvolle Seite in einem Problem. Mit dieser schönen Turmkaskade hat er mich wirklich begeistert (eines der wenige Retro Probleme, die für mich verständich sind). Tolle Werbung für das Genre!

  2. I think this amusing retractor has the constraint No Forward Defense. Are there any similar uncapture records with other black pieces?

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