Retro der Woche 50/2019

Der Spanier Julio Sunyer (11. April 1888 – 27. November 1957) ist zwar nicht durch zahlenmäßig viele, aber durch hervorragende Retros bekannt geworden; seit den 1920er Jahren hat er großartige Retros veröffentlicht: hoch komplexe, aber auch sehr elegante. Wer kennt nicht seine Aufgabe aus The Chess Amateur 1923, wKh5, sKe8, -1(w+s), dann h#1? Nee, die Lösung schreibe ich nicht hin…

Julio Sunyer
Fairy Chess Review 1937
Matt in 2 Zügen (12+10)

 

Wie zur damaligen Zeit noch immer recht üblich versteckt sich die eigentliche Retro-Fragestellung hinter einer scheinbar rein orthodoxen Fragestellung, hier nach dem Matt in zwei Zügen. Aber allein schon die Quelle verrät ja, dass dem offensichtlich nicht so ist…

Nach dem ziemlich nahe liegenden 1.Dxa4 kann sich Schwarz mit 0-0 verteidigen – so denn die Rochade zulässig ist?! Und das ist natürlich die eigentliche Fragestellung dieser Aufgabe.

Gehen wir das Stück also wie bei Retros üblich mit einer Analyse der Schlagfälle an:

Zunächst fällt auf, dass wLd1 ein Umwandlungsstein ist, das Original wurde zu Hause auf f1 geschlagen – ebenso wie der schwarze Kollege auf c8. Damit sind nach b2xXa3 und den Schlägen Bcxdxexfxg für g8=L alle Schläge durch Weiß erklärt.

Bei Schwarz sieht man neben Be7xf6 und natürlich dem Schlag auf f1 keine weiteren Bauernschläge. Allerdings konnte [Bh2] nur schlagfrei nach h6 gelangen, also erfolgte sBh7xg6xh5 – und damit sind auch alle Schläge durch Schwarz erklärt. Dabei kennen wir wegen der Felderfarben auch schon genau die Entschläge: e7xLf6 und h7xTg6xTh5.

Versuchen wir nun zurückzuspielen, so muss natürlich, da Weiß einen Vorwärtszug machen soll, Schwarz mit der Rücknahme beginnen. Dabei vermeiden wir Rücknahmen durch [Ke8] und [Th8]: wir wollen ja sehen, ob Schwarz noch rochieren, sich also gegen das drohende Matt auf a8 verteidigen kann.

Berücksichtigen müssen wir, dass Schwarz wohl den [Bc7] bis nach c7 zurückziehen kann, dies dann aber für den [Ba7] nicht möglich ist: Der kann in dem Fall nur bis a5 zurückgezogen werden, da der fehlende sT ja noch via a6 nach a8 kommen muss. (Natürlich kann man auch den [Bc7] auf c5 stoppen, sodass [Ba7] komplett zurückziehen kann und [Ta8] via c6-c8 nach Hause kommt, das ist aber bezüglich der Anzahl der Schwarz zur Verfügung stehenden Züge gleichgültig.)

Die Zugfolge ist nicht eindeutig, das Ergebnis aber schon:

Lösung


R: 1.– e7xLf6 2.Db1-c2 c4-c3 3.Lb2-f6 c5-c4 4.Sf2-e4 c6-c5 5.Ke5-f5 c7-c6 6.Lc2-d1 a5-a4 6.Lh7-c2 g6xTh5 7.Lg8-h7 h7xTg6 8.Tc6-g6 g6-g5 9.g7-g8=L
, und nun fehlt Schwarz genau ein Zug, bis Weiß 10.f6xLg7 zurücknehmen könnte, und Schwarz wäre seine Zugnot los. Für diesen 9. schwarzen Zug steht aber nur König oder Turm zur Verfügung – die Rochade ist also nicht mehr zulässig, Weiß setzt also wirklich mit 1.Dxa4 bel. 2.Da8 matt.

Die Rücknahme kann auch etwas anders erfolgen, aber stets fehlt Schwarz ein entscheidendes Tempo.

Ein echter Klassiker!

Zum Schluss noch eine Lese-Empfehlung: Karl Fabel hatte ein Manuskript „50 Meisterwerke der Retroanalyse“ vorbereitet, dass erst 1981 postum von Werner Keym in den sechs Schwalbe-Heften des Jahres veröffentlicht worden ist. Eine (englische) Kurzfassung dazu gibt es im Internet in der Retrograde Analysis Corner von Otto Janko: Auch immer einen Besuch wert! (Die dort angegebene Jahreszahl 1985 ist falsch.)

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