Retro der Woche 01/2019

Vorbemerkung: Heute folgt von Arnold Beine der zweite Teil zum Thema „Tacu-Enigma“, der im Nachspann zum Retro der Woche 35/2018 bereits angekündigt wurde — danke, Arnold! Diesmal wird es richtig märchenhaft, denn die Bedingung „Annanschach“ spielt eine wichtige Rolle. Hier zunächst eine knappe Einführung dazu; eine genaue Definition befindet sich am Ende.

Bei Annanschach zieht — kurzgefasst — der Vordermann in der Gangart des Hintermannes, solange zwei gleichfarbige Steine Kontakt in „Nord-Süd-Richtung“ haben. Der Vordermann ist dabei immer näher zur eigenen Umwandlungsreihe, der Hintermann näher zur eigenen Offiziersgrundreihe. Dies bedeutet, dass in der PAS alle Bauern wie die Offiziere in ihrem Rücken ziehen. Das hat enorme Auswirkungen bereits im ersten Zug, denn die Anzahl der möglichen Eröffnungszüge vergrößert sich von 20 auf 49. Annanschach ist vor allem deshalb sehr gewöhnungsbedürftig, weil die gewohnten Zugeigenschaften anders sind und sich auch ständig wieder ändern können. Die Vorstellung, dass in der PAS benachbarte Bauern ganz unterschiedliche Zugmöglichkeiten haben, will einem „Orthodoxen“ nur schwer in den Kopf. Dass der wBd2 wie eine Dame, der wBe2 aber nur wie ein König ziehen kann, ist schon ein starkes Stück; von denen daneben, die wie Turm, Springer und Läufer ziehen ganz zu schweigen. Es ist erlaubt, dass ein Bauer mit entsprechender Gangart auch die eigene Offiziersgrundreihe betritt; dort ist er selbst zugunfähig, kann jedoch seine Bauern-Gangart an einen Vordermann weitergeben. Jenes ist für Tacu-Enigmas eine sehr wichtige Eigenschaft, denn damit kann man eine Menge Spuren verwischen, was den Autor freut, aber dem Löser natürlich die Sache erschwert — es sei denn, er kalkuliert dies gleich in seine Überlegungen mit ein.

Arnold Beine
Die Schwalbe II/2018, Gregor Werner gewidmet
Stellung nach dem 4. Zug von Schwarz, #1 Annanschach; 30 unbestimmte Steine

 

In der heutigen Aufgabe gibt es wieder nur wenige Hinweise in der Stellung. Bis auf einen Stein stehen alle in Homebase-Stellung, zwei Steine fehlen, und das freie Feld g1 gibt wie bei Tacus Prototyp (siehe Retro der Woche 35/2018) einen Hinweis auf den weißen Mattstein. Wenn der wSg1 mattsetzen soll, dann dürfte er sich im schwarzen Lager befinden (oder er müsste sich auf der 2. Reihe mit einer starken Linienfigur im Rücken befinden, was aber auch nicht schneller geht), wofür er 4(!) Züge braucht, denn Annanschach kann Steine nicht nur stärker, sondern auch schwächer machen. Ein erster Versuch, den wSg1 ins feindliche Lager zu schaffen und weitestgehend die geforderte Stellung zu erreichen, könnte folgendermaßen aussehen: 1.Sf3? hxh2 (mit T-Kraft) 2.Sf4 (mit B-Kraft) Th3 3.Sg6 Te3 4.Sh8??. Das Feld d2 ist aber noch besetzt und ein Matt ist auch nicht in Sicht. Vielleicht klappt es mit dem anderen Springerzug und einem möglichen Damenmatt entlang der offenen d-Linie: 1.Sh3? hh5 (mit Turm-Kraft) 2.g4 hxg4 3.de3 (mit D-Kraft) gxh3 4.hg2 (mit T-Kraft) h2. Immerhin ist die geforderte Stellung erreicht, allerdings ist kein Damenmatt in Sicht. Dann wäre jetzt 1.de3 der nächste naheliegende Anfangszug, außerdem stellt sich die Frage, auf welchem Feld der sK in der Mattstellung steht. Ihn unter Beibehaltung der Stellungsvorgabe nach z.B. f8 zu bringen, würde aber fünf Züge dauern: 1.– ee6 2.– Le7 3.– Kf8 4.– fe8 5.– ef7. Bei d8 ginge es auch nicht schneller, es käme sogar noch das zusätzliche Problem hinzu, dass Schwarz ein Selbstschach durch den wBd2 (mit D-Kraft) vermeiden muss. Auf d7 stünde der sK aus den gleichen Gründen im Schach, außer wenn Schwarz vorher 1.– dxd2 spielen würde. Aber d2 muss am Ende frei sein. Allerdings hätte der sK auf d7 mit der sD im Rücken eine enorme Bewegungsfreiheit, die Weiß kaum kontrollieren könnte; und selbst mit einem sBd8 im Rücken des sKd7 hätte dieser zwar kaum noch Züge, aber Schwarz verblieben immer noch genügend Verteidigungsmöglichkeiten. Wie sieht es mit dem Feld e7 für den sK aus? Eine schwarze Zugfolge wäre 1.– ee6 2.– Ke7 3.– fe8 4.– ef7. Die Felder für ein Springermatt wären dann aber alle gedeckt und bei einem Damenmatt von g5 aus müsste das Feld e6 noch gedeckt werden. Bliebe als letztes noch das Nachbarfeld f7. Ein sKf7 hätte mit dem sLf8 im Rücken eine große Bewegungsfreiheit, aber bei genauer Betrachtung sind bis auf e6 alle Fluchtfelder gedeckt, wenn man davon ausgeht, dass e8 – wie im Diagramm angegeben – geblockt ist. Das Feld f7 ließe sich sogar ohne Spuren freimachen mit 1.– fxa2.

Doch zurück zu den weißen Zügen. Wenn 1.de3 der erste Zug war, muss der wSg1 noch irgend-wann ziehen. Die Züge nach f3 oder h3 wurden oben bereits als wenig hilfreich erkannt. Dann bliebe nur der Zug nach e2. Der wBe2 kann mit seiner Königsgangart aber spurlos eigentlich nur nach d1 verschwinden, was einen Zug der wDd1 voraussetzt. Damit wäre sogar die Zugreihenfolge dieser weißen Steine eindeutig: 1.de3 2.D~ 3.ed1 4.Se2. Anhand des Diagramms würde sich 2.Dxd7 anbieten, womit dann auch das letzte Fluchtfeld e6 gedeckt wäre, falls der sK auf f7 vor dem sLf8 steht. Damit hat man dann auch schon fast die Lösung, es bleibt nur noch, die letzten beiden schwarzen Züge zu finden, die das freie Feld h7 erklären. Nach 1.de3 fxa2 2.Dxd7+ Kf7 3.ed1 muss e8 noch besetzt und h7 freigemacht werden, und das geht mit 3.– ge8 4.Se2 hg7.

Damit wäre die Diagrammstellung erreicht, aber den anschließenden Mattzug muss man auch erst einmal sehen: 5.hxh8=S#!

Diese Aufgabe dürfte die Erstdarstellung des Ostereier-Themas sein: In der Diagrammstellung eines Tacu-Enigmas ist das Feld eines Offiziers der mattsetzenden Partei unbesetzt. Aber nicht dieser Offizier gibt das Matt, sondern ein entsprechender Umwandlungsstein. Die weiteren Themen dieser Aufgabe (Turbo-Exzelsior, Sibling-Bg7) sind bei Annanschach nicht unbedingt an der Tagesordnug, aber auch nicht ganz ungewöhnlich.

Das Ostereier-Thema mit einer Dame als Themastein ist mir mit Annanschach und Circe inzwischen auch gelungen und wird/wurde gerade veröffentlicht. Eine weitere Darstellung mit thematischer Dame, aber mit der Märchenbedingung Circe Parrain, findet sich unter den Aufgaben des 6. FIDE-Cups (3. Lob) — sogar in Doppelsetzung. Erstaunlich, dass weder Autor noch Preisrichter auf die thematische Besonderheit eingegangen sind. Aufgaben mit Ostereier-Turm oder -Läufer sind mir nicht bekannt und stehen deshalb noch auf meinem Wunschzettel. Vielleicht klappt es bis zur nächsten Weihnacht.

Das Ostereier-Thema ist eigentlich aus der Not geboren, wie die Entstehungsgeschichte verdeutlicht. Meine erste Idee zu dieser Aufgabe bestand aus einem Zweizüger, denn Weiß kann nach 1.dg5 fxa2 2.Dxd7+ Kf7 bereits mit 3.g6# mattsetzen. Diese Aufgabe als Tacu-Enigma hatte ich schon als leichten Einstieg für die Löser vorgesehen, kurz danach aber auch nach einer Möglichkeit gesucht, die Spuren (freie Felder d1 und e8) zu verwischen (siehe bei Julias Fairies). Bei dem Versuch, anstelle des Bauern auf g6 einen weißen Springer auf g5 mattsetzen zu lassen, der dann auch noch e6 decken würde, wodurch die wD zu Hause bleiben könnte, schlug mir Jacobi aber immer Nebenlösungen oder Duale um die Ohren. Die beabsichtigte weiße Zugfolge 1.Sf3 2.fg1 (besetzt nicht nur das Feld des wS, sondern erlaubt diesem auch wieder als solcher zu ziehen) 3.Sg5 4.Sh7 führt zu einer Stellung, die auch mit 1.Sf3 2.fg1 3.dxd7 4.Sd2 erreichbar ist. In beiden Fällen ist 5.Sg5(#) möglich. Im ersten Fall hat man die Schwierigkeit, dass wegen 3.Sg5 der sK das Feld f7 nicht zu früh betreten darf, was die Zügezahl erhöht, im zweiten Fall wird es schwierig, die Zugreihenfolge eindeutig zu bekommen. Hier habe ich mir lange Zeit die Zähne ausgebissen, bis ich dann irgendwann auf die Idee kam, das Matt mit einem Springer von h8 aus zu geben. Da lag die Umwandlung natürlich nahe und schon passte alles.

Bei späteren Versuchen ist mir dann doch noch das ursprünglich beabsichtigte Springermatt gelungen, aber erst, nachdem mir die Idee kam, die Farben zu wechseln und alles um einen Halbzug zu verkürzen. Diese Fassung sei hier als Urdruck vorgestellt.

Arnold Beine
Urdruck, Gregor Werner gewidmet
Stellung nach dem 4. Zug von Weiß, #1 durch Schwarz Annanschach; 30 unbestimmte Steine

 

Sie zeigt im Wesentlichen die oben beschriebenen Elemente, allerdings setzt nicht der g-Springer, sondern der b-Springer matt, wodurch die Deckung von c5 verloren geht. Deshalb muss der sBb6 dieses Feld aktiv decken: 1.fxa7 dxd2+ 2.Kf2 Sd7 3.ge1 bb6 4.hg2 Sg4#.

Arnold Beine
Urdruck
Stellung nach dem 3. Zug von Weiß, #1 durch Schwarz Annanschach; 31 unbestimmte Steine

 

Mit dem g-Springer geht es sogar noch schneller, aber der steht im Diagramm schon in Lauerstellung und nicht innerhalb der Homebase, was einem Löser die Sache leichter machen dürfte. Versucht es doch einmal!

Definition von Annanschach: Stehen zwei Steine derselben Partei in Nord-Süd-Richtung unmittelbar hintereinander, dann übernimmt der Vordermann die Gangart des Hintermannes (aber keine Eigenschaften wie „königlich“ oder „Recht zur Umwandlung“), solange der Kontakt besteht. Der Vordermann ist dabei näher an der eigenen Umwandlungsreihe, der Hintermann näher an der eigenen Grundreihe. Bauern können auf die eigene Offiziersgrundreihe ziehen, sind dort aber zugunfähig. Sie können ihre Gangart aber noch an einen Vordermann weitergeben. Die Bauernumwandlung eines Offiziers, der mit Bauerngangart auf die Umwandlungsreihe zieht, ist nicht möglich. Offiziere mit Bauerngangart können einen Bauern en-passant schlagen; Offiziere, die einen Doppelschritt mit Bauerngangart machen, oder Bauern, die einen Doppelschritt mit einer anderen Gangart (z.B. T oder D) machen, können nicht en-passant geschlagen werden. Stehen drei oder mehr Steine derselben Farbe direkt hintereinander, zieht jeder Stein nur wie sein unmittelbarer Hintermann; eine Kettenbildung findet also nicht statt.

[Arnold Beine]

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