Retro der Woche 33/2018

Eine außergewöhnliche Aufgabe habe ich für das heute „Retro der Woche“ herausgesucht, bei der sofort die Diagrammposition ins Auge sticht.

Jorge Lois & Roberto Osorio
Phénix 2016
Beweispartie in 16 Zügen (14+10)

 

Offensichtliche Züge für Weiß zu zählen, bringt offensichtlich noch nicht viel, da alle weißen Steine in Homebase Position stehen. Das Zählen der schwarzen Züge ist schon deutlich interessanter:

Da kommen wir auf 1+2+1+0+12=16 – alle schwarzen Züge sind erforderlich, um die Diagrammposition in der geforderten Zügezahl zu erspielen! Damit ist klar, dass Schwarz rochiert hat – und dass von den immerhin sechs fehlenden schwarzen Steinen keiner gezogen haben kann.

Das sind [Lf8], [Sg8], [Ba7], [Bb7] sowie zwei Bauern auf dem Königsflügel – welche genau, können wir noch nicht sagen.

Wer hat nun diese Steine geschlagen? [Dd1] können wir rasch ausschließen: Vor der Rochade muss sie [Lf8] geschlagen haben – natürlich mit Schachgebot.

Ein weißer Springer kann das auch machen, allerdings bekommt er große Schwierigkeiten durch die nahe beieinander stehenden Steine ([Lf8] und [Sg8], [Ba7] und [Bb7], ggf. auch benachbarte Bauern auf dem Königsflügel). Dabei muss natürlich auch ein Schachgebot (via f6 oder g7) wegen der schwarzen Rochade vermieden werden. Vielleicht versucht ihr selbst haerauszufinden, warum eine Springertour nicht funktioniert!

Eine andere Möglichkeit wäre, dass sich die beiden fehlenden weißen Bauern auf den Weg machen umwandeln, dann noch „eben“ am Damenflügel abräumen, um sich dann schlagen zu lassen.

Das hat den Vorteil, dass sie dann leicht nicht nur [Lf8] und [Sg8], sondern auch gleichzeitig die zwei fehlenden Bauern auf dem Königsflügel abräumen können. Das muss natürlich so gehen, dass die Rochade nicht noch verhindert wird.

In was wandeln sich [Bf2] und [Bg2]? Nun, sie müssen ja im Nordwesten noch wildern und sich dann irgendwo im Südosten noch schlagen lassen. Dafür kommen dann nur Dame oder Läufer in Frage. Sie brauchen dann jeweils zwei Züge bis a7 bzw. b7 und dann einen zu ihrem Schlagfeld – das müssen dann f2 und g2 sein!

Damit hätten wir dann zwei „Bauernrundläufe“ und Kreuzschlag der schwarzen „Betrügerbauern“ auf f2 und g2: Wohlgemerkt, dieser Kreuzschlag ist nicht aus allgemein retroanalytischen Gründen, sondern nur wegen des Zeitdrucks der Beweispartie erforderlich!

Mit diesen Überlegungen ist es dann sicher nicht mehr allzu schwer, die Lösung zu finden?!

1.f4 c5 2.f5 c4 3.f6 c3 4.fxe7 f5 5.exf8=L f4 6.Lc5 d6 7.g4 Dd7 8.g5 Dh3 9.g6 Ld7 10.gxh7 g5 11.hxg8=L g4 12.Ld5 g3 13.Lxb7 OO 14.Lbg2 f3 15.Lxa7 fxg2 16.Lf2 gxf2#.

In der Notation der „Beweispartien der Zukunft“ (mindestens zwei Themen doppelt gesetzt) notiert sich das so: (PH&CC&PC)(BB) – gemeint ist damit, dass wir „Bauernrundläufe“ (PC = Pawn Circuit), wobei dir Themasteine auf den thematischen Feldern geschlagen werden und damit gar nicht mehr sichtbar sind (PH = Phantom) – und das durch Kreuzschlag (CC = Cross Capture). Und das dann mit Läufern als thematischen Umwandlungssteinen.

Als ich die Aufgabe mit Silvio Baier diskutierte, machte er mich auf P1294527 aufmerksam: Auch dort haben wir die Bauernrundläufe, die Umwandlungssteine verschwinden auch wieder – aber eben nicht auf ihren Themafeldern, was die Aufgabe zu einem interessanten Vergleich macht, aber nicht zu einem Vorläufer oder gar Vorgänger.

Nach meinem Geschmack eine hervorragende Aufgabe!

2 thoughts on “Retro der Woche 33/2018

  1. Mich erinnert dieses Problem an eine Beweispartie von Silvio aus Die Schwalbe 2011 (P1202050) mit doppeltem Bauernrundlauf, wobei sich die Bauern beide in Damen umwandeln und diese dann auf den Ursprungsfeldern der Bauern geschlagen werden; und das sehr ökonomisch in nur 14,0 Zügen!

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