Retro der Woche 27/2018

96 Jahre gehen wir heute zurück mit unserem Retro der Woche! Thomas Rayner Dawson (28.11.1889 – 16.12.1951) war nicht nur der bedeutendste Märchenschach-Pionier, sondern auch einer der ganz großen frühen Retrospezialisten, einer der Mitverfasser des bedeutenden, bereits 1915 erschienenen Buches „Retrograde Analysis“. Dazu hatte ich im Jahr 2015 einen Artikel in der Schwalbe veröffentlicht.

Thomas R. Dawson
Cas 1922
Ergänze einen Stein, dann #2 (10+10)

 

Schnell sieht man, dass Weiß auch ohne Ergänzung irgendeines Steins bequem in zwei Zügen matt setzen kann: 1.Se8 und 2.Sc7# ist so schwer nicht zu finden.

Wofür brauchen wir dann noch Holz auf dem Brett? Das brauchen wir also nicht für das Matt, sondern weil der Stein laut Forderung auf dem Brett fehlt – dann wollen wir doch schauen, ob wir mit Retroanalyse dem auf die Schliche kommen können? Die Aufgabe ist nicht allzu schwer zu lösen; wer es selbst versuchen möchte, sollte mit dem Weiterlesen noch warten!

Schauen wir uns zunächst die Schlagbilanz an – in dem Wissen, dass ein Stein auf dem Brett fehlt. Bei Weiß sehen wir fünf Bauernschläge: hxg und d2xe3xf4xg5xh6; damit ist noch ein Schlag frei. Bei Schwarz sehen wir zunächst vier Schläge: d7xe6xf5xg4xh3, womit noch zwei Schlage frei sind. Das hat also noch nicht weitergeholfen.

Wirklich nicht? Auffällig sind die „vertauschten“ Bauern auf der a- und der b-Linie: wie sind sie aneinander vorbeigekommen? Das erfordert von einer Partei zwei Schlagfälle, nämlich den Überkreuz-Schlag der a- und b-Bauern einer Farbe.

Mit den Überlegungen von oben ist klar, dass nur Schwarz – er hat noch zwei Schlage frei – im Westen zwei Mal schlagen konnte – und damit ist klar, dass ein schwarzer Stein fehlt. Können wir nun auch bestimmen, welcher das ist?

Die vier Schläge des [Bd2] erfolgten alle auf schwarzen Feldern, und auch hxg erfolgte wegen des sBh3 auf g3, denn h3xg4 ist unmöglich gewesen. Also können die weißen Bauern nicht [Lc8] geschlagen haben – das ist also der Stein, der fehlt.

Aber auf welches Feld gehört er? Wir wissen, dass Weiß in zwei Zügen matt setzen kann, also kann der Läufer dieses Matt nicht stören. Daher kann er nur auf e8 (dort wird er im Schlüssel geschlagen), auf h5 oder a2 stehen.

e8 scheidet sofort wieder aus, da Schwarz keinen letzten Zug, der das Schachgebot gegen den weißen König erlauben würde, hat – also illegal. Auf h5 ist [Lc8] schön eingemauert, aber auch das ist illegal: Weiß ist am Zug, also muss Schwarz zuletzt gezogen haben, und dafür steht nur sBb4 zur Verfügung. a5xLb4 geht noch nicht, da damit der wBa7 ausgesperrt wäre, nie nach a2 zurückziehen könnte. Aber auch b5-b4 kann nicht zurückgenommen werden, da dann im Westen irgendwann b7xa6 und a6xb5 zurückgenommen werden müsste: Schläge auf weißen Feldern. Damit wären alle schwarzen Schläge auf weißen Feldern erfolgt, damit könnte aber nicht der fehlende [Lc1] entschlagen werden. Also illegal in hübsch „symmetrischer“ Begründung wie Feststellung, dass [Lc8] im Diagramm fehlt.

Also bleibt nur ein einziges Feld:

Ergänze sLa2, dann 1.Se8 ~ 2.Sc7#.

Mit einer solchen Art von Aufgaben popularisierte Raymond Smullyan in seinen Büchern „Schach mit Sherlock Holmes“ und „Die Schachgeheimnisse des Kalifen“ beinahe 60 Jahre später die Retroanalyse, indem er sie in Geschichten kleidete etwa folgender Art:

Sherlock Holmes betrat den Raum, sah das Schachbrett – und beobachte vergnügt, wie Sir Toby und Admiral von Schneider auf dem Boden herumkrochen. Sir Toby ärgerte sich: „Gerade wollte ich in zwei Zügen matt setzen, da fiel der Stein vom Brett – und wir können ihn einfach nicht wiederfinden!“ Admiral von Schneider bemerkte nun Holmes und meinte: „Na, vielleicht kann Mister Holmes uns zumindest sagen, welcher Stein heruntergefallen ist?“
Holmes schaute sich ein paar Minuten die Stellung an und sagte dann: „Ja, das ist eine bemerkenswerte Stellung! Sir Toby wollte gerade Se8 spielen, als Admiral von Schneiders Läufer von a2 herunterpurzelte.“ Sir Toby kam aus dem Staunen nicht heraus: „Das stimmt – wie haben Sie das nur herausgefunden?“

Ihr wisst es!

One thought on “Retro der Woche 27/2018

  1. Ein sehr hübsches klassisches Retro. Gerade für mich als Laie. An Hand von Thomas‘ Erläuterungen sehr schön „vom Blatt zu lösen“.
    Und auch die Geschichte am Schluß ist ganz bemerkenswert. Hat da jemand vielleicht zu viel „Diner For One“ zu Silvester geschaut?

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