Retro der Woche 25/2018

Vorbemerkung:
Gerade hat mich Andrew darauf aufmerksam gemacht, dass er heute „erst“ 59 Jahre alt wird — ich hatte einfach der WFCC Composer’s Datenbank geglaubt, die an der Stelle offensichtlich fehlerhaft ist!

Heute steht wieder ein Geburtstag-Glückwunsch auf dem Programm: Andrew Buchanan feiert heute seinen 60. Geburtstag! Bekannt ist er vor allen Dingen als fleißiger Unterstützer der PDB und als „Erfinder“ der Dead Reckoning Regel, wonach eine Stellung nicht nur automatisch remis ist, wenn beide Seiten aufgrund des Materials nicht mehr zum Mattsetzen in der Lage sind, sondern schon in dem Moment, wo sich solch eine Stellung nicht mehr verhindern lasst. Demnach ist z.B. Kc6 Da8 / Ka7 bereits remis.

Eine Menge könnt ihr hierzu und zu vielen anderen Themen (nicht nur) der Retroanalyse auf seiner Website erfahren.

Hier möchte ich aber eine Beweispartie von ihm vorstellen,

Andrew Buchanan & Mark Kirtley
Gligor Denkovski Gedenkturnier 2018, 2. Lob
Beweispartie in 12,5 Zügen b) sKg6>d5 (16+13)

 

Als ich die Aufgabe zum ersten Male sah, wunderte ich mich zunächst, dass in a) [Ke8] nur zwei Züge auf sein Zielfeld benötigt, in b) allerdings drei. Wie das trotzdem passt, werden wir gleich sehen. Zunächst einmal beginnen wir mit dem üblichen Betrachten der sichtbaren Schläge und Züge.

Bei Schwarz fehlen [Dd8], [Be7] und [Bf7]. Wegen der weißen Doppelbauern denkt man sofort an Dd8-g3 und Bf7-f3, das macht fünf schwarze Züge. Darüber hinaus sehen wir in a) noch 2+0+0+0+2+2=6 Züge, damit bleibt ein schwarzer Zug offen. In b) ist der verschwunden, das der schwarze König drei Züge benötigt.

Zählen wir nun die weißen Züge, sehen wir 0+2+3+2+0+5=12 – auch hier ist ein Zug frei. Wirklich? Nein, die Mattstellung in a) kann nur durch ein Abzugsschach entstanden sein: Tf5-g5#, also ist ein weiterer Turmzug erforderlich, und die Züge gehen auf. In b) ist es analog: Dort muss der Mattzug Lf5-e4# gewesen sein, also ist auch hier ein weiterer Zug (dieses Mal vom Läufer) erforderlich.

Damit ist auch endgültig klar, dass [Be7] zu Hause geschlagen worden ist, da Weiß keinen Zug frei hat; es musste De2xe7 erfolgen.

Die beiden Lösungen zu finden ist nun nicht allzu schwierig: Um [Th1] und [Lf1] frei spielen zu können, muss Schwarz rasch die Schläge auf f3 und g3 ermöglichen; bis dahin muss sich Weiß mit dem Damenflügel beschäftigen, darf allerdings zunächst noch nicht a5-a6 spielen, da [Sb8] das Feld a6 noch benötigt.

Damit sind in beiden Stellungen die ersten drei weißen Züge klar, und nun gilt es „nur noch“ herauszufinden, in welcher Reihenfolge Schwarz opfert. Nicht überraschend passiert die in a) und b) in unterschiedlicher Reihenfolge.

Wenn ihr nun versucht zu lösen, werdet ihr auch das Rätsel des freien schwarzen Zuges in a) lösen: Ziemlich überraschend muss nämlich Schwarz im achten Zug ein Tempo mit seinem König verlieren – nur deshalb, weil es später nicht durch einen anderen Stein verloren werden kann. Dieses Schmankerl fehlt natürlich (leider) in der b)-Fassung.

a) 1.a4 f5 2.a5 f4 3.Ta4 f3 4.exf3 c6 5.Ld3 Dc7 6.De2 Dg3 7.hxg3 Kf7 8.Th5 Kf6 9.Tf5+ Kg6 10.Dxe7 Sa6 11.Le4 Sc5 12.a6 h6 13.Tg5# und b) 1.a4 c6 2.a5 Dc7 3.Ta4 Dg3 4.hxg3 f5 5.Th5 f4 6.Tg5 f3 7.exf3 Kf7 8.Ld3 Ke6 9.Lf5+ Kd5 10.De2 Sa6 11.Dxe7 Sc5 12.a6 h6 13.Le4#.

Während mehrere Phasen in “normalen” Hilfsspiel heute quasi Standard sind, ist dies bei Beweispartien anders; das hat aus meiner Sicht hauptsächlich zwei Gründe, die eng miteinander zusammenhängen:

In Beweispartien muss für jeden einzelnen Stein nachgewiesen werden, wie er sein Diagrammfeld erreicht hat; das Einbauen eines „Cookstoppers“ (typische Korrektur in einem Hilfsmatt etwa: „+sBb6“) ist in einer Beweispartie nicht möglich. Und eng damit zusammenhängend: Alle Steine müssen ihr Zielfeld erreichen, und das führt automatisch dazu, dass sich viele Züge in allen Phasen wiederholen müssen: Im „normalen“ Hilfsspiel ist dies quasi ein No Go, hier aber systembedingt nicht zu vermeiden.

Bei der heutigen Aufgabe ist das durch die vertauschte Schlagreihenfolge auf f3 und g3 (und damit die Reihenfolge des Mattnetz-Aufbaus durch [Th1] und [Lf1]) etwas aufgelockert, besonders aber durch die beiden Abzugsschachs, bei denen – ebenfalls eine hübsche Vereinheitlichung der beiden Phasen – der Mattzug jeweils auf f5 startet.

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