Retro der Woche 16/2018

(Siehe Hinweis vom 20. April 2018)

Heute habe ich mal wieder ein schon etwas älteres Stück hervorgeholt: In den letzten 15 Jahren hat sich die Gattung der eindeutigen Beweispartien unglaublich weiterentwickelt.

Das heißt aber nicht, dass Aufgaben aus jener Zeit nach heutigem Maßstab „schwach“ sein müssen: Auch damals haben die Könner schon tolle Aufgaben gebaut!

Einer diese Könner ist Gerd Wilts, der leider u.a. wegen seines unglaublichen Engagements für die PDB (richtig: Familie und Beruf hat er auch noch …) viel zu selten zum Komponieren kommt. Aber all seine Aufgaben sind sehenswert, kann ich versichern, so natürlich auch die heutige.

Gerd Wilts
feenschach 2003, 2. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 22,5 Zügen (14+10)

 

Der letzte Zug der Beweispartie ist schon klar: 23.Txd8# — nur ist noch nicht klar, was auf d8 geschlagen wurde. Wenn wir uns die Stellung ein wenig anschauen, fällt sofort auf, dass nur zwei schwarze Züge im Diagramm zu sehen sind; bei Weiß hingegen lohnt es zu zählen: 3+1+5+2+2+9=22 — ein weißer Zug ist noch übrig. Aber reichen 22 Züge wirklich? Das würde voraussetzen, dass wir Tc1xc8xd8# und Th6-c6 spielen. Dafür müsste [Bc7] durch [Bb2] geschlagen worden sein, [Bc2] irgendwie von Schwarz. Um dann aber die drei Bauernschläge am Königsflügel auf schwarzen Feldern hinzubekommen, muss sehr früh Th6-c6 erfpgen, das aber geht erst, wenn schon der weiße Turm auf c8 und der Bauer auf c7 steht.

Das allerdings kann nicht klappen, denn dann müsste ganz früh auf g3 [Dd8] geschlagen worden sein: [Bg7] und [Bh7] dürfen sich noch nicht bewegt haben, also scheiden [Lf8] und [Th8] als Schlagopfer auf g3 aus, der umgewandelte [Bh7], der anders nicht verschwunden sein kann, sowieso. Dann aber bekommen wir keinen neuen Schild nach d8, der den schwarzen König vor dem Tc8 schützt.

Also funktioniert es nur mit 6 Turmzügen: Th1-h5-c5xc8xd8# und Tc1-c6, dann kann nämlich [Lf8] auf g3 geschlagen worden sein — oder doch [Dd8], die dann nämlich auf d8 ersetzt werden könnte. Gleichzeitig muss recht früh dxe3 erfolgen, weil sonst Weiß schnell die Züge ausgehen.

Die fehlenden weißen Bauern können nun überhaupt nicht gezogen haben, sondern müssen auf ihren Standfeldern geschlagen worden sein.

Besonders spannend ist such die Frage, wie denn [Bh7] verschwinden konnte: Bei den sechs fehlenden schwarzen Steinen, darunter [Lc8] zu Hause geschlagen und dem Schlag im letzten weißen Zug muss er sich umwandeln und schlagen lassen — nur wo? Das ist nicht trivial, denn Weiß kann ja keinen „Umweg“ machen, um einen schwarzen Stein zu schlagen.

Das herauszufinden erfordert ein wenig Knobelei, ist dann aber inhaltlich, wie ich finde, sehr befriedigend!

1.e4 g6 2.Ke2 Lh6 3.Kf3 Le3 4.dxe3 c5 5.Sd2 Dc7 6.Sb3 Dg3+ 7.hxg3 c4 8.Th5 c3 9.Tc5 cxb2 10.c4 b1=D 11.Lb2 Dxa2 12.Tc1 Da5 13.Txc8+ Dd8 14.c5 h5 15.c6 h4 16.c7 h3 17.Tc6 Th4 18.Da1 Tf4+ 19.gxf4 h2 20.g3 h1=T 21.Kg2 Th8 22.Lxh8 a6 23.Txd8#..

Neben [Lf8] mussten sich auch [Dd8] und [Th8] aktiv opfern. Beide mussten dann im Laufe des Spiels ersetzt werden (Phönix-Thema), um auf das Ursprungsfeld des ersetzten Steins zu ziehen (Pronkin-Thema). So weit war das auch im Jahr 2003 nicht mehr neu.

Neu dürfte allerdings sein, dass — unglaublich paradox — diese beiden Pronkin-Steine auf diesen Standfeldern auch noch geschlagen wurden — von Offizieren, womit auch noch das Prentos-Thema realisiert ist..

Sehr viel Inhalt in einer so harmlos aussehenden Stellung!

One thought on “Retro der Woche 16/2018

  1. Ich finde es besonders beeindruckend, daß der schwarze Bauer h7 so viele Züge hat, um zu verschwinden; aber die einzige Art, die funktioniert, ist diejenige, bei der ein beeindruckendes Thema gezeigt wird: spezifische T-Unterverwandlung und Pronkin, der geschlagen wird!

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