Retro der Woche 04/2018

In dem Viererpack an feenschach-Heften, das Anfang des Monats erschienen ist, finden sich zwei Retro-Preisberichte: Für 2014 von Michel Caillaud und für 2015 von Bernd Gräfrath. Unter den insgesamt 17 dort ausgezeichneten Aufgaben befindet sich nur eine einzige orthodoxe Beweispartie!

Ist dies typisch für die letzten Jahre, deutet dies vielleicht auf eine Krise der Beweispartien hin? Natürlich wird es immer schwieriger, gute und originelle Beweispartien zu bauen, aber solche erscheinen immer noch, und zwar in recht großer Anzahl. Bei feenschach ist die Situation vielleicht auch deshalb etwas anders, weil dort natürlich Märchen-Retros eine besonders große Rolle spielen.

Nikolas Dupont (nach Unto Heinonen)
feenschach 2015, Lob
Beweispartie in 28 Zügen (11+15)

 

In der weißen Homebase-Position müssen/können wir natürlich keine sichtbaren Züge zählen: per definitionem gibt es dort ja keine. Aber bei Schwarz kommen wir mit dem Züge zählen schon viel weiter: 2+2+5+4+4+11=28; damit sind alle schwarzen Züge erklärt. Mehr noch: Die Züge der Springer und des Königs sind schon genau determiniert, ebenso die von [Lc8], [Bc7], [Bd7] und [Bf7].

Wieso eigentlich des [Bf7]? Dazu schauen wir uns die Schläge an.

Bei Weiß fehlen genau die fünf östlichen Bauern, bei Schwarz sind fünf Schläge sichtbar: c7xb6, d7xc6xb5xa4 und gxh. Und damit bleibt für [Bf7] kein Schlagopfer übrig. Nur [Bh2] kann direkt geschlagen worden sein, die vier anderen fehlenden weißen Bauern müssen also umgewandelt haben.

Und dazu muss Bf6xe7 erfolgt sein: [Be7] hatte keine Zeit zu ziehen, und [Bf2] musste umwandeln. Damit sind alle Schlagfälle erklärt.

Und damit kennen wir auch die Umwandlungsfelder: d8, 2xe8 und g8. Können wir auch schon klären, ob wir hier das Ceriani-Frolkin- und/oder das Pronkin-Thema vor uns haben, mit anderen Worten: Sind Umwandlungssteine oder Originalsteine geschlagen worden, die dann durch die Umwandlungssteine ersetzt worden sind?

Zunächst stellen wir fest, dass kein Umwandlungsstein nach einem eigenen Zug geschlagen werden konnte; jeder Umwandlungsstein brauchte, um sich möglicherweise schlagen zu lassen, benötigte mindestens zwei aktive eigene Züge. Ferner stellen wir fest, dass kein Originalstein (abgesehen vom [Bh2], der hier aber nicht relevant ist], sich nach einem eigenen Zug schon schlagen lassen konnte.

Damit benötigt jeder mögliche Pronkin-Stein in Summe nach der Umwandlung mindestens drei Züge, jeder Ceriani-Frolkin-Stein mindestens zwei. Dabei stehen wegen der 20 benötigten Züge bis zu den Umwandlungen nur acht Züge zur Verfügung — also haben wir es mit vier Ceriani-Frolkin-Umwandlungen zu tun.

Nun gilt es „nur noch“ herauszufinden, welche Umwandlungen erfolgt sind — und speziell die schwarzen Züge so zu reihen, dass alles passt. Für die Art der Umwandlungen ist vor allen Dingen [Ke8] bestimmend, aber auch natürlich die möglichen Schlagfelder. Damit scheiden unabhängig von der Königsstellung etwa S-Umwandlungen auf d8 und g8 aus, eine Läuferumwandlung kann es theoretisch nur auf g8 gegeben haben. aber man sieht schnell, dass auch die ausscheiden muss, da ansonsten dort auch eine Dame hätte erwandelt werden können.

Wichtig ist auch zu erkennen, dass [Bf7] und [Bg7] sehr früh ziehen mussten, um Zugmöglichkeiten für die eigenen Offiziere zu schaffen, andererseits f5 aber erst nach fxe7 möglich ist. Damit ist die Eröffnung quasi schon klar…

Und dann ist die Lösung nicht mehr so schrecklich schwer:

1.f4 g5 2.f5 g4 3.f6 g3 4.fxe7 gxh2 5.g4 f5 6.g5 f4 7.g6 f3 8.g7 Kf7 9.e8=T Lc5 10.Te6 Se7 11.Tb6 cxb6 12.g8=T Dc7 13.Tg6 Tg8 14.Tc6 Tg6 15.e4 Th6 16.e5 Sg6 17.e6+ Kf6 18.e7+ dxc6 19.e8=T Le3 20.Te5 Le6 21.Tb5 cxb5 22.d4 Sc6 23.d5 Tg8 24.d6 Sf8 25.d7 Tgg6 26.d8=T Lg8 27.Td4 Df7 28.Ta4 bxa4.

Das Thema, vierfache einfarbige Ceriani-Frolkin-Türme, ist nicht neu, worauf Preisrichter Bernd Gräfrath hinweist, siehe PDB P1213990. Allerdings haben wir hier eine optimierte Zugzahl und auch minimale Anzahl von Schlägen. Dies verdient sicher eine Auszeichnung, aber wegen der eingeschränkten Originalität halt „nur“ ein Lob. Was natürlich über die hohe Qualität der Aufgabe nichts aussagt.

2 thoughts on “Retro der Woche 04/2018

  1. A very good proof game with great move economy.
    Euclide 1.01 took 15 minutes to find the solution and another 10 to verify uniqueness.

  2. Diese BP funktioniert auch mit 27….Dd8, was einen Homebasestein mehr und eine Rückkehr der schwarzen Dame ergänzen würde. Das ist sicher nicht ganz so relevant, aber wenn man das kostenlos dazubekommt, sollte man m.E. zugreifen.

    Der eingeschränkten Originalität kann ich nur sehr eingeschränkt zutimmen. In der Tat ist dieser Inhalt schon dagewesen. Wieso werden aber heutzutage überhaupt noch Zweizüger ausgezeichnet? Ist dort nicht alles schon dagewesen? Bei den Zweizügern wird häufig von neuer Matrix gesprochen, um Auszeichnungen zu motivieren. Aus meiner Sicht unterscheidet sich diese BP von der P1213990 so vehement, dass man kaum von eingeschränkter Originalität sprechen kann. Insbesondere die minimale Schlaganzahl ist für mich ein Zeichen höchster Eleganz, was entsprechend gewürdigt werden sollte. Ein Lob halte ich daher für zu niedrig.

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