Retro der Woche 01/2017

Euch allen wünsche ich alles Gute für das neue Jahr 2017, und ich hoffe, ihr bleibt dem Blog gewogen!

Vor 50 Jahren, im Januar 1967 erschien das Stück, das ich für den heutigen Neujahrstag ausgesucht habe. Verfasser ist Luigi Ceriani, einer der bedeutendsten, wenn nicht der bedeutendste Retrokomponist des vorigen Jahrhunderts. In seinem Stück sind nicht alle Züge ganz eindeutig, wohl aber die genaue Struktur der Lösung.

Luigi Ceriani
Europe Echecs 1967 Lob
Löse die Stellung auf (12+13)

 

Beginnen wir wie üblich mit der Analyse der Schlagfälle: wBe6 ist der ursprüngliche [Bh2], womit alle fehlenden schwarzen Steine bereits erklärt sind. Er kann nämlich nicht von c2 kommen: Dann benötigte er zwar nur zwei Schlagfälle, aber dann müssten auch Bb6 und Bc6 je einmal geschlagen haben – das ist aber bei 13 auf dem Brett stehenden schwarzen Steinen unmöglich.

Damit ist auch klar, dass sBb5 bis e5 die [Ba7] bis [Bd7] sind: wBb6 und wBc6 können nicht geschlagen haben, also kann sBe5 nicht [Bg7] (und sBg5 nicht [Bh7]) sein, da dann nicht beide genannten weißen Bauern befreit werden könnten.

Damit steht auch bereits der erste Zug der Auflösung fest: R 1.– Tg6-f6+: Entschlagen werden kann hier nicht, da ja alle fehlenden weißen Steine von schwarzen Bauern geschlagen wurden.

Zunächst bemerken wir noch, dass wegen der Bauernschläge sowohl [Ba2] als auch [Bh7] (schlagfrei) umgewandelt haben müssen: Direkt konnten sie nicht vom Brett verschwinden.

Wie kann der brettumspannende Retroknoten überhaupt aufgelöst werden? Das kann im Endeffekt nur durch einen der beiden Könige geschehen. Das aber setzt erst einmal Rücknahmen von Bauernschlägen voraus – und der erste, der zurückgenommen werden kann und damit den Knoten ausreichend lockert, ist sBa6xXb5. Das aber kann erst erfolgen, nachdem Weiß auf a8 entwandelt hat.

Da kann doch der einzig bewegliche weiße Stein, Sh6, recht einfach hinhüpfen! Richtig, aber für die Entwandlung muss dann Weiß Lb8-a7 zurücknehmen – und das ist nur möglich, wenn zu der Zeit c7 besetzt ist, um dem sKd6 Schachschutz zu geben. Schwarz hat auch genau einen beweglichen Stein, sTf6, doch der kann sich nicht zum Damenflügel durchschlagen, da alle möglichen Wege dorthin verbaut sind.

Also muss Schwarz einen anderen Stein freispielen, der das erledigen kann. Dafür kommt nur Tg3 in Frage. Der kann sich aber erst bewegen, wenn Weiß Be2-e3 zurücknehmen konnte – also erst nach Heimkehr des wLg4. Den allerdings kann sTf6 ablösen. Dabei müssen beide Seiten aufpassen, dass kein Retropatt entsteht, schließlich haben sie nur einen beweglichen Stein, wobei sich sTf6 dann selbst auf g4 bindet.

Das geht erst einmal so: R: 1.– Tg6f6+ 2.Sg8-h6 Th6-g6 3.Sf6-g8 Tg6-h6 4.Sh5-f6 Tg8-g6 5.Sf4-h5 Th8-g8 6.Sg6-f4 Th4-h8 7.Le2-g4 Tg4-h4+ -8.Sf4-g6! Tf3-g3 9.Lf1-e2 Tg3-f3 10.e2e3 Tf3-g3. Wir sehen also, dass Weiß, um schwarzes Retropatt zu vermeiden, auf f4 Schachschutz geben muss.

Nun geht es darum, sTg3 in den Nordwesten zu bringen, damit er auf c7 Schachschutz geben kann. Dafür muss er über a8 gehen – und dazu muss wLa7 bereits nach b8, weswegen in diesem Moment der weiße Springer Schachschutz geben muss.

R 11.Sh5-f4 Tg3-f3+ 12.Sf6-h5 Te3-g3 13.Sh7-f6 Tg3-e3 14.Sf8-h7 Te3-g3 15.Sd7-f8 Tg3-e3 16.Sb8-d7 Te3-g3 17.Sa6-b8 Te4-e3 18.Sc7-a6 Ta4-e4 19.Lb8-a7 Ta8-a4 — geschafft! Nun muss im Nordwesten auf engstem Raum manövriert werden, damit der schwarze Turm seine Aufgabe übernehmen kann. Dabei wird dann auch sSc8 benötigt – und im richtigen Moment, wenn im Nordwesten gerade totaler Verkehrsstau herrscht, im Südosten sSh1!

R 20.La-7b8 Tb8-a8 21.Sa-6c7 Tb7-b8 22.Sb4-a6 Tc7-b7 23.Sa6-b4 Td7-c7 24.Sb4-a6 Tb7-d7 25.Sa6-b4 Tb8-b7 26.Sc7-a6 Tb7-b8 27.Sa8-c7 Tc7-b7 28.Lb8-a7 Sa7-c8 29.d2-d3 Sc8-a7 30.a7-a8=S. Wo im Moment alles verbaut ist im Nordwesten, kommt nun das nötige Tempo aus dem Südosten, und alles kann sich in Wohlgefallen auflösen.

R 30.– h2- h1=S! 31.a6-a7 Sa7-c8 32.a5-a6 a6:Xb5 usw.

Für mich eine begeisternde Auflöseaufgabe – Brett umspannend, mit interessanten Schutzschilden für beide Könige, mit Tempozügen zur rechten Zeit, mit raffiniertem Spiel besonders im Nordwesten. Ich hoffe, das Stück gefällt euch ähnlich gut wie mir?!

2 thoughts on “Retro der Woche 01/2017

  1. Following -20.La7 Tb8 it is natural to continue with -21.Sa8? since the S is going to unpromote on a8, but it turns out that the tempo is wrong. The only way to correct the tempo is to let Tb8 ‚triangulate‘ on b7-c7-d7, so Sc7 must go back out with -21.Sa6 to mark time while Black triangulates.
    A most delightful problem.

  2. Thank you for this excellent problem! Very, very much typical Ceriani to be recognized in the details. Perhaps the low placing 1967 was due to the fact that each of the details was well-known at the time. But I should think that this combination must have been original.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.