Retro der Woche 41/2016

Im Hilfsmatt hat sich spätestens nach dem zweiten Weltkrieg die Tendenz gefestigt, dass zumindest kürzere Aufgaben (heute sicherlich bis mindestens vier Züge) mehr als eine Lösung haben; typischerweise sind diese Lösungen irgendwie thematisch miteinander verwoben.

Bei Beweispartien hat sich dies ähnlich wie bei klassischen Auflöse-Aufgaben, die ja beide die Kooperation von Weiß und Schwarz nutzen und damit dem Hilfs-Vorwärtsspiel „bis auf die Richtung“ ähneln, bisher kaum durchgesetzt.

Das liegt nicht nur daran, dass es offensichtlich sehr schwierig ist, beispielsweise solche Beweispartien zu bauen, sondern auch an einem inhärenten Problem, dass nämlich quasi „automatisch“ viele Züge in den Lösungen identisch sind: Schließlich müssen ja alle Steine die Diagrammstellung erreichen. Das ist im Vorwärts-Spiel einfacher zu vermeiden, da ja dort die Mehrspänner nur die Startposition (Diagramm) teilen, entsprechende Retros aber immer Start- und Endstellung.

Dennoch gibt es immer wieder attraktive Mehrspänner auch bei Beweispartien; einen möchte ich euch heute vorstellen.

Mark Kirtley
StrateGems 2016
Beweispartie in 11,5 Zügen, 2 Lösungen (9+13)

 

Insgesamt fehlen nach jeweils 23 Halbzügen insgesamt zehn Steine – das ist eine ganze Menge, und das erschwert auch die Lösung ganz erheblich. Dennoch bietet auch diese Stellung natürlich einige Anhaltspunkte für die Lösung.

Die Anzahl der sichtbaren Züge hilft nicht sehr viel weiter: 0+0+2+0+0+2=4 bei Weiß; bei Schwarz ist gar nur ein einziger Zug sichtbar.

Die Bauernstruktur und besonders der fehlende [Lc1] geben allerdings deutliche Hinweise: Weiß kann mit [Bf2] oder [Bh2] via g7 und f8 umgewandelt haben. Neben den vier sichtbaren Zügen blieben dann noch drei Züge, um den Umwandlungsstein wieder loszuwerden oder noch einen hilfreichen, nicht mehr sichtbaren Zug zu machen.

Damit sind auch schon zwei der drei fehlenden schwarzen Steine erklärt. Der dritte ist [Bb7], der sich allem Anschein nach auf b1 umgewandelt hat, dann den [Lc1] geschlagen und anschließend noch auf dem Königsflügel geräubert hat.

Dafür muss dann sicherlich auf b1 ein Turm oder eine Dame erwandelt worden sein. Genau die beiden scheiden auf f8 als weiße Umwandlungssteine aus, da sie dann direkt Kxf8 und anschließende Rückkehr erzwingen würden. Dann reicht aber die Zeit des Schwarzen nicht mehr, um auf dem Königsflügel noch etwas wegzuräumen.

Damit könnten wir bereits eine kleine Vorahnung haben: „Allumwandlung“? Das liegt nun sehr nahe!

Nun können wir einfach mal versuchen, mit dem f- oder dem h-Bauern anzufangen, während Schwarz zum b-Bauern greift: Bei 5.gxf8=? cxb1=? müssen wir dann überlegen. Weiß wird seinen Umwandlungsstein sehr einfach los, aber die schwarzen Manöver sind ein wenig trickreicher, trotzdem solltet ihr sie recht bald finden können.

1.f4 b5 2.f5 b4 3.f6 b3 4.fxg7 bxc2 5.gxf8=S cxb1=D 6.Se6 Dxc1 7.Sc5 Dxc5 8.g4 Dxg1 9.g5 Dxh2 10.Lh3 Dxh3 11.Txh3 a6 12.Tf3. und 1.h4 b5 2.h5 b4 3.h6 b3 4.hxg7 bxc2 5.gxf8=L cxb1=T 6.Lg7 Txc1 7.Lc3 Txc3 8.Sf3 Txf3 9.g4 Txf2 10.g5 Txf1+ 11.Txf1 a6 12.Tf3.

Die erwartetet Allumwandlung – aber mit einer Besonderheit: Die Ceriani-Frolkin-Steine sind alle NICHT von Bauern, sondern von Offizieren geschlagen worden (der weiße Umwandlungsstein gar vom schwarzen Gegenstück) – wir haben hier also den Spezialfall des Ceriani-Frolkin-Themas, nämlich das Prentos-Thema.

Und wenn ich nichts übersehen habe, ist dies die erste Prentos-Allumwandlung. Im einphasigen Beweispartien kenne ich bisher nur maximal drei Prentos-Umwandlungen. Wenn das mal keine Herausforderung für die Beweispartie-Komponisten ist…

Gleichzeitig finde ich bei diesem Stück die Abwechslung in den Phasen sehr gut: Nur die ersten vier schwarzen Züge (und der letzte: a6) sind in beiden Phasen identisch, bei Weiß nur die beiden Züge des [Bg2] – klasse!

2 Gedanken zu “Retro der Woche 41/2016

  1. A beautiful and difficult proof game with two solutions.
    It takes Euclide 1.01 some 36 minutest just to find the solutions and some 75 minutes to verify correctness.

  2. Das ist ein sehr beeindruckendes Problem! Es ist wirklich sehr schwierig, Beweispartien mit zwei Lösungen zu komponieren. Der Beginn einer solchen Konstruktionsleistung liegt wohl oft in einer Computerprüfung, bei der Nebenlösungen gefunden werden; und die besondere Herausforderung besteht natürlich darin, nicht nur zwei exakte Lösungen heraus zu arbeiten, sondern auch noch passenden thematischen Inhalt darzustellen. Das ist hier mit der Allumwandlung sehr gut gelungen. Die „Investition“ von vielen Schlägen und auch z.B. den wiederholten Zügen des schwarzen b-Bauern kann dafür in Kauf genommen werden.

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