Retro der Woche 34/2016

Nachdem ich euch im letzten Retro der Woche den zweiten Preis im diesjährigen Champagne-Turnier gezeigt hatte, soll nun der erste Preisträger folgen. Ihr mögt selbst für euch entscheiden, ob ihr auch Michel Caillauds Reihung vorgenommen oder „anders herum“ entschieden hättet.

Für beide Entscheidungen gibt es aus meiner Sicht gute Gründe.

Kostas Prentos
Champagne-Turnier 2016, 1. Preis Abt. I
Beweispartie in 16 Zügen (14+12)

 

Im Diagramm fallen natürlich sofort die beiden schwarzen Läufer auf, die die Plätze ihrer weißen Gegenspieler eingenommen haben; die hingegen sind die beiden einzigen fehlenden weißen Steine.

Das übliche Züge-Zählen bringt uns zunächst bei Weiß nicht viel weiter: Es sind nur vier Züge sichtbar im Diagramm, es bleiben also zwölf noch übrig.

Zählen wir die schwarzen Züge, so kommen wir auf 2+0+4+4+2+4=16. Hierbei bin ich davon ausgegangen, dass der schwarze König zwei Züge macht und [Th8] in einem Zug nach h5 gelangt. Natürlich kann Schwarz auch rochiert haben: Dann haben wir einen Königszug gespart, allerdings braucht dann der ehemalige [Th8] zwei Züge, um nach h5 (oder e3) zu gelangen; [Ta8] brauchte auf alle Fälle drei Züge. Die alternative Zählung wäre also 1+0+5+4+2+4=16.

Das zeigt gleichzeitig, dass alle fehlenden schwarzen Steine, nämlich die vier fehlenden Bauern, zu Hause geschlagen worden sein müssen: Sie hatten keine Zeit für einen Zug.

Wie können die nun geschlagen worden sein? Die Springer können die nicht in zwölf Zügen abgeräumt haben, die Dame wäre mit den Schlägen auf d7, e7 oder g7 dem schwarzen König ins Gehege gekommen, und die weißen Türme konnten gar ihren Heimatbereich gar nicht verlassen haben – also bleiben nur die beiden weißen Läufer übrig. (Wenn euch das Thema des diesjährigen Champagne-Turniers noch von der letzten Woche im Kopf war, so ist diese Erkenntnis vielleicht nicht wirklich überraschend?!)

Leicht sieht man, dass die beiden Läufer jeweils in sechs Zügen die beiden „farbgleichen“ schwarzen Bauern abräumen und wieder nach Hause zurückkehren konnten. Doch wie ging nun die Tour? Mit dem Damenläufer c1-a3xe7-f6xg7-b2-c1 oder anders herum c1-b2xg7-f6xe7-a3-c1? Im zweiten Fall braucht doch der Läufer gar nicht mehr nach c1 zurück, denn sLf8 kann ihn dann ja bereits auf a3 geschlagen haben? Die Überlegungen können wir völlig analog auch für [Lf1] zusammen mit [Lc8] anstellen.

„Im Prinzip“ haben wir nun schon die Lösung, wir müssen noch entscheiden, welcher der beiden alternativen Wege die Läufer nehmen müssen – und ob wir am Damen- oder am Königsflügel starten.

Das herauszufinden sollte nicht mehr allzu schwer sein?

1.g3 f5 2.Lh3 f4 3.Lxd7+ Kf7 4.Lc6 Lh3 5.Lxb7 Sd7 6.Lg2 Tb8 7.Lf1 Lxf1 8.h3 Tb3 9.Th2 Te3 10.b3 h5 11.La3 h4 12.Lxe7 Th5 13.Lf6 La3 14.Lxg7 Se7 15.Lb2 Kg8 16.Lc1 Lxc1.

Die Orientierung der beiden Läufer-Rundläufe wird also durch die schwarzen Springer festgelegt, und der Start auf dem Königsflügel wird durch die beiden weißen „Wartezüge h3 und Th2 determiniert. Eine elegante, raffinierte Konstruktion!

Michel Caillaud als Aus- und Preisrichter des Turniers schrieb zu dieser Aufgabe:
I found 2 very good problems on the top, and it was very difficult to decide between them. Here the 2 6-moves circuits are executed with captures, which is the a drawback, but the thematic intensity is high and the beautiful chameleon echo between the 2 parts of the solution makes a great artistic impression.

One thought on “Retro der Woche 34/2016

  1. I should say that MC put the problems in the right order. On the one hand the 2nd prize has a capture-free „Rundlauf“ and of course it is a point that it ends on b1. But is that a primary part of the strategic play on the bottom line or not? I still think the best part of this problem is the intricate play to shield wK. The 1st prize deals more with the technical (artistical?) aspects of how to administer not only one but two „Rundläufe“. When solving you must ask yourself „can it be done (i.e. where capture wL etc) in another way?“. So it deals more with the „theme“ of the tourney.

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