Retro der Woche 03/2016

Leider existiert die Zeitschrift Orbit nicht mehr — sie hatte sich zunächst auf Hilfs- und Selbstmatts konzentriert, aber dann auch einen guten Retro-Teil angegliedert.

Aus dem dortigen 2012er Turnier möchte ich heute den Preis vorstellen.

Mark Kirtley
Orbit 2012, Preis
Beweispartie in 18,0 Zügen (15+14)

 

Betrachtet man die Stellung, sieht man sofort die zwei weißen Züge, bei Schwarz muss man etwas genauer hinschauen und kommt dort auf 3+0+4+3+1+5=16 — hier fehlen also noch zwei Züge. Betrachten wir allerdings, welche Steine fehlen (wS, sD, sS), und berücksichtigen wir den Doppelbauern auf der weißen b-Linie, so sind doch alle schwarzen Züge erklärt, denn [Dd8] konnte in zwei Zügen nach b3 gelangen, während dies einem schwarzen Springer nicht möglich gewesen wäre. Damit sind alle schwarzen Züge geklärt.

Nun ist es spannend zu überlegen, wie Weiß immerhin 16 Züge „verbraten“ konnte, ohne dass man von denen etwas sieht? So ganz richtig ist die Fragestellung nicht, denn wir sehen, dass ein weißer Springer fehlt, der auf h6 geschlagen wurde, ebenso musste [Sg8] zu Hause geschlagen werden, da für ihn kein schwarzer Zug mehr übrig ist.

Weiß benötigte für das Springeropfer auf h6 eine ungerade Anzahl von Zügen (von b1 nach h6 ungerade; von g1 nach h6 gerade, aber von b1 nach g1 ungerade), sodass Weiß sich eine ungerade Anzahl von Zügen lang irgendwie beschäftigen muss.

Ein reines Hin-und-her-ziehen reicht also nicht aus, also muss Weiß zumindest ein Tempo durch ein anderes Manöver verlieren. Dafür bietet sich natürlich ein Dreiecksmanöver der Dame oder auch des Königs an, doch kann das klappen?

Dazu machen wir uns Gedanken über die Reihenfolge der schwarzen Züge: Weiß muss offensichtlich relativ schnell seinen Springer opfern, damit Schwarz mit seiner Entwicklung [Lf8] nach e3, [Th8] nach a5 des Königsflügels beginnen kann. Auch kann sich [Dd8] erst in zwei Zügen (via g8 oder d5) opfern, nachdem Bd4 gespielt werden konnte — erst nach Le3. Vorher kann die Dame aber nicht via c2 zu ihrem Dreiecksmarch starten.

Kann ihr [Ke1] nicht die Arbeit abnehmen? Nein, denn er käme nie mehr über f2 nach Hause zurück, nachdem [Lg8] auf e3 angekommen ist.

Noch spannender wird es, wenn wir sehen, dass Schwarz sehr früh, nämlich bevor er die Entwicklung des Königsflügels beginnen kann, seinen König nach c6 stellen musste, da andere Züge für ihn nicht übrig bleiben: Dies macht ein Tempomanöver der [Dd1] unmöglich, da sie dafür via c2 starten müsste — dies aber böte dem sK auf c6 Schach, das er im Rahmen der Beweispartie nicht parieren könnte.

Also brauchen wir eine andere Idee:

Vielleicht kann man ja f2 aus Ausstieg und c2 dann als Wiedereinstieg nutzen, sodass [Ke1] „außen herumläuft“ und dabei ein Tempo verliert? Dann aber steht [Dd1] im Weg.

Also gar beide?? Kurzes Nachzählen ergibt, dass dazu sechs Königs- und fünf Damenzüge erforderlich sind. Das würde passen, dann hätte [Sb1] auf g8 geschlagen und sich anschließend auf h6 geopfert, und auch alle weißen Züge wären erklärst.

Versuchen wir es also:

1.Sc3 d5 2.Se4 Kd7 3.Sf6+ Kc6 4.Sxg8 f5 5.Sh6 gxh6 6.f3 Lg7 7.Kf2 Dg8 8.Ke3 Ld4+ 9.Kd3 Le3 10.De1 d4 11.Dh4 Db3+ 12.cxb3 Td8 13.Kc2 Td5 14.Kd1 Ta5 15.Ke1 b5 16.De4+ Kb6 17.Dc2 Sc6 18.Dd1 Tb8.

Sehr schöne und ökonomisch (Zügezahl, Schlagfälle) Darstellung zweier schlagfreier Rundläufe in einer Beweispartie.

4 thoughts on “Retro der Woche 03/2016

  1. Hallo liebe Freunde!
    Gut, daß es diesen Retroblog gibt. Auch ich habe an diesem Informalturnier teilgenommen, aber bis heute keinen Preisbericht gesehen. Mir war diese tolle Aufgabe von Mark also bisher unbekannt. Mich würden natürlich auch die anderen prämierten Stücke interessieren. Wer kann mir da helfen?
    Vielen Dank schon einmal dafür.

  2. Man vergleiche dazu einen Vorgänger bzw. Vorläufer von Michel Caillaud aus Phénix 2007 (1. ehr. Erw. im Preisbericht von B.G.); PDB: P1070109, mit zwei schlagfreien Rundläufen von wK und wD, allerdings u.a. motiviert durch den Schlag des wLc1.

    • Genau wegen der tollen Begründung für die Rundläufe – nämlich Temponot – habe ich diesem Stück trotz des Vorläufers einen Preis zuerkannt. Tempozüge und Temponot in Beweispartien finde ich immer faszinierend, und hier ist das m.E. in bestechender Tiefe gelungen. Für mich ein klarer Albumkandidat.

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