Retro der Woche 12/2015

Heute möchte ich nicht nur eine tolle Aufgabe vorstellen, sondern auch noch einen Vergleich mit einem anderen Stück anstellen, das der Autor direkt bei seinem Urdruck als Basis benannt hatte. Dennoch vergab Preisrichter Gerd Wilts für dieses — wie man deswegen zunächst meinen sollte nicht allzu originelle — Problem den ersten Preis im Informalturnier einer weltweit sehr angesehenen Retro-Rubrik.

Silvio Baier
StrateGems 2010, nach Michel Caillaud, 1. Preis
Beweispartie in 28,5 Zügen (15+11)

 

Offensichtliche Züge oder Schlagfälle durch Schwarz zu zählen ist schnell erledigt und nicht ergiebig, darum kümmern wir uns zunächst um die Züge der weißen Steine. Sofort fallen im Diagramm die drei schwarzfeldrigen weißen Läufer auf: Zwei Umwandlungen haben wir also schon erkannt.

Zählen wir nun die offensichtlichen Züge von Weiß; dabei lassen wir zunächst die schwarzfeldrigen weißen Läufer außer Betracht. Damit sehen wir 3+1+4+1+4+3=16 Züge, dies impliziert bereits den Doppelschritt des wBd4. Somit bleiben noch 13 Züge für die schwarzfeldrigen weißen Läufer.

Zehn dieser Züge sind Bauernzüge zur Umwandlung, so dass nur noch drei reine Läuferzüge übrig bleiben — offensichtlich einer pro Läufer. Damit ist klar: Der Originalläufer steht auf d2, denn ein Umwandlungsläufer hätte nicht in einem Zug auf dieses Feld gelangen können. Damit ist auch klar, dass die beiden Läufer auf a5 und g5 jeweils auf d8 umgewandelt haben. Dort müssen sie jeweils einen schwarzen Stein geschlagen haben, da sie wegen [Bd7] nur via c7 bzw. e7 dorthin gelangen konnten.

Damit sind bereits vier weiße Schläge erklärt, so dass nur noch einer frei bleibt. Andererseits können wir aus unseren Überlegungen zu den Schlägen auf d8 sowie den fehlenden schwarzen Bauern sehen, dass sich vier von ihnen umgewandelt haben müssen: Zwei, um sich auf d8 schlagen zu lassen und zwei für die Entstehung der weißen Doppelbauern auf der d- bzw. g-Linie.

Damit erschöpfen sich auch die zunächst riesig groß erscheinende Zahl schwarzer freier Züge: 20 Bauernzüge haben wir bereits, dann mindestens vier Züge schwarzer Umwandlungssteine nach d8, und dann bleiben nur noch drei für die Erzeugung der weißen Doppelbauern, womit aus Zeitgründen klar ist, dass es sich hier um Ceriani-Frolkin Steine handeln muss: Sie können nicht so schnell Originalsteine ersetzen.

Damit ist auch klar, dass zumindest der noch übrig gebliebene weiße Bauer zu Hause geschlagen werden musste — einfach, um einem schwarzen Bauern den Durchmarsch zur Umwandlung zu gestatten. Theoretisch könnte ein schwarzer Bauer noch zusätzlich gezogen haben; dies allerdings würde bedeuten, dass die Ceriani-Frolkin-Steine nur genau einen Zug hätten.

Mit diesen Indizien ist es dann möglich, die fantastische Autorlösung zu finden: 1.f4 c5 2.f5 c4 3.f6 c3 4.fxe7 cxb2 5.Sc3 b1=D 6.exd8=L Db6 7.Lg5 Dd8 8.e4 b5 9.e5 b4 10.e6 b3 11.e7 b2 12.exd8=L b1=D 13.La5 Db6 14.Tb1 Dd8 15.Tb6 f5 16.Lb5 f4 17.Ke2 f3+ 18.Kd3 f2 19.Sf3 f1=S 20.Se1 Sg3 21.hxg3 h5 22.Th4 Sh6 23.Ta4 h4 24.Kc4 h3 25.d4 h2 26.Lcd2 h1=S 27.Db1 Sf2 28.Sd1 Sd3 29.cxd3
.

Wir sehen also zwei schwarze Pronkin-Damen, von denen die erste ebenso wie die Originaldame auf d8 geschlagen wird, sowie zwei schwarze Ceriani-Frolkin-Springer. Die beiden (technischen) Umwandlungssteine im Diagramm kann man, wie ich meine, hier gut verschmerzen, da sie einerseits einheitlich sind und andererseits auch thematisch genutzt werden.

Nun zu dem „nach“: Die d8-Geschichte dieser Aufgabe hatte Michel Caillaud bereits elf Jahre vorher gezeigt und dann die beiden auf d8 umgewandelten Läufer als Ceriani-Frolkin-Steine verschwinden lassen. also DD-Pronkins mit den Schlägen auf d8 und dann schwarze statt weißer Ceriani-Frolkin-Umwandlungen. Für eine ausführliche Diskussion dieser Aufgabe siehe Retro der Woche 06/2014.

Michel Caillaud
Problemesis 1999, 1. Preis
Beweispartie in 17 Zügen (13+13)

 

Das ist nun nicht mehr allzu schwer zu lösen, zumal die schwarze Bauernstruktur die Felder, auf denen die weißen UW-Läufer verschwinden, nahe legt: 1.d4 c5 2.d5 c4 3.d6 c3 4.dxe7 cxb2 5.Sc3 b1=D 6.exd8=L Db6 7.Lh4 Dd8 8.Sa4 b5 9.c4 b4 10.c5 b3 11.c6 b2 12.c7 b1=D 13.cxd8=L Db6 14.Ldg5 f6 15.g4 fxg5 16.Lh3 gxh4 17.g5 Dd8.

Was meint ihr nun zu dem „nach MC“ in Silvios Aufgabe? Unbedingt erforderlich? Eine freundliche Geste? Völlig überflüssig? Ich bin gespannt…

4 thoughts on “Retro der Woche 12/2015

  1. Damals hatte ich noch nicht so viele BPs komponiert und war mir nicht sicher. Ich sah das wie Bernd – lieber einmal zu viel als zu wenig. Allerdings ist die Technik der Damepronkins fast schon Standard (ähnlich dem doppelten L-Ceriani-Frolkin mit Umwandlungen auf g8), so dass ich heutzutage vermutlich auf den Zusatz über em Diagramm verzichten würde. Einen Hinweis auf Caillaud würde ich aber beim Verschicken der Aufgabe trotzdem noch geben.

  2. Putting ‚after Michel Caillaud‘ can surely never hurt.
    My personal distaste for obviously promoted men leads me to prefer Michel’s proof game.

  3. Michels Problem (von mozartischer Leichtigkeit) wurde schon im Retroblog vorgestellt und auch kommentiert (u.a. von Silvio):
    http://www.thbrand.de/2014/02/02/retro-der-woche-062014/
    Zur aktuellen Frage: Ich finde, daß man im Zweifelsfall lieber ein „nach XY“ zu viel als ein „nach XY“ zu wenig angeben sollte! Auch im vorliegenden Fall scheint mir dieser Verweis angebracht zu sein, obwohl es natürlich immer eine Grauzone gibt. Dasselbe gilt für die Frage, wann man „nach XY“ und wann man ledliglich „XY, Version KL“ angeben sollte. Jedenfalls ist Silvios Problem mehr als eine bloße Version!

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