Retro der Woche 07/2015

In der letzten Woche hatte ich hier den 1. Preis des Dupont Geburtstagsturniers vorgestellt; heute folgt, wie von einigen Kommentatoren gewünscht (und von mir sowieso vorgesehen …) der 2. Preis dieses hervorragenden Turniers, bei dem es um echoartige Umwandlungen ging.

Kostas Prentos & Andrej Frolkin
Dupont-50 2014, 2. Preis
Beweispartie in 28,5 Zügen (13+13)

 

Es erscheint im ersten Moment als lustiger Zufall, dass wie beim ersten Preis im Diagramm jeweils wieder bei Weiß und Schwarz drei Bauern fehlen. Doch trifft dieser „Zufall“ im Turnier nicht nur auf diese beiden Stücke zu, sondern es gibt noch mehrere Preisträger, bei denen nur Bauern fehlen, und zwar auf beiden Seiten die gleiche Anzahl. Dies scheint also für die Themendarstellung besonders geeignet zu sein.

Besonders auffällig im Diagramm sind die Bauernkonstellationen im Nordwesten und im Südosten: Irgendwie müssen die a- bzw. die h-Bauern ja aneinander vorbei gekommen sein. Dafür gibt es prinzipiell zwei verschiedene Möglichkeiten:

Entweder erfolgte im Nordwesten a7-a6, a2xbxa7, b7-b6: dies erfordert zwei weiße Schläge, oder es erfolgte a7xb6, a2–a7, b7xa6: dies erfordert zwei schwarze Schläge. (Theoretisch ist auch Xxa7, a2-a7, b7xa6, c7xb6 möglich, dies erfordert aber einen weiteren Schlag, der, wie wir gleich sehen, nicht mehr frei ist.) Welche Art an Vorbeischlängeln im Nordwesten stattfand, die gleiche Art muss im Südosten (farbvertauscht) auch erfolgt sein, denn anderenfalls benötigte eine Partei vier Schläge, die aber nicht zur Verfügung stehen, da ja nur drei Bauern fehlen.

Damit wissen wir schon, dass es (mindestens) zwei weiße und zwei schwarze Umwandlungen gegeben haben muss, denn den Schlägen können keine Original-Bauern zum Opfer gefallen sein.

Zählen wir nun einmal die weißen Züge: Da sehen wir im Diagramm direkt 3+1+3+1+0+7=15. Dass so viele Züge noch frei sind, sollte uns keine Sorgen machen: Wir wissen ja, es hat noch zwei weiße Umwandlungen gegeben (sicher keine drei, dafür würden die Züge nicht reichen). Schauen wir aber bei den Türmen genauer hin: Können die in drei Zügen ihre Standfelder erreicht haben?

Nein, denn dann wären sich [Th1] und entweder [Bh2] oder [Bh7] in die Quere gekommen, und diese Kollision lässt sich im Rahmen der noch freien Schläge nicht auflösen. Also brauchte Weiß mindestens vier Turmzüge: Th1-h4-g4, dann [Bh7] nach h4, dann [Ta1] nach g5.

Aber damit ist klar, dass im Südosten Kreuzschläge der Bauern stattgefunden haben, denn anderenfalls hätte Weiß mindestens zusätzliche Züge benötigt — und die hat er nicht, da wir ja mindestens 12 Züge für die beiden Umwandlungen und Wegzüge benötigen.

Damit wissen wir auch, dass im Nordwesten ebenfalls Kreuzschläge stattgefunden haben! Und zählen wir nun die schwarzen Züge, so kommen wir auf 2+0+2+3+1+7=15 — und damit bleiben auch Schwarz wie Weiß neben den Umwandlungen noch drei Züge, entweder Originalsteine oder die Umwandlungssteine loszuwerden.

Damit sollte das Lösen nicht mehr allzu schwer sein? Übrigens könnt ihr hier noch versuchen zu kochen: Das Stück ist „nur“ für die ersten 28 Züge Computer-geprüft!

1.d4 e5 2.d5 e4 3.d6 e3 4.dxc7 exf2+ 5.Kd2 d5 6.e4 Ld7 7.c8=S d4 8.Sb6 axb6 9.e5 Ta3 10.e6 Te3 11.a4 d3 12.Kc3 d2+ 13.Ld3 f1=S 14.a5 Sg3 15.hxg3 h5 16.Th4 Sh6 17.Tg4 h4 18.a6 h3 19.Ta5 h2 20.Th5 g5 21.a7 Lg7+ 22.Kb4 Kf8 23.c3 Kg8 24.Dc2 d1=S 25.e7 Sf2 26.e8=S Sh3 27.Sc7 Le8 28.Sa6 bxa6 29.gxh3.

Nicolas hat in seinem Preisbericht zwei Vergleichsaufgaben vorgestellt, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

Duponts PDB P1080537 zeigt das gleiche Thema einfarbig, während die zweite Vergleichsaufgabe nicht in der PDB zu finden ist:

Silvio Baier
StrateGems 2012
Beweispartie in 25,0 Zügen (14+12)

 

Sie zeigt das Thema unserer Partie, allerdings mit „nur“ einem Kreuzschlag. 1.d4 f5 2.d5 f4 3.d6 f3 4.dxc7 d5 5.c4 d4 6.Db3 d3 7.Kd1 d2 8.Kc2 d1=S 9.e4 Se3+ 10.fxe3 f2 11.Le2 f1=S 12.c5 Sg3 13.hxg3 e5 14.Th4 Lh3 15.c8=S Le7 16.Sb6 axb6 17.c6 Ta4 18.c7 Tb4 19.cxb8=S Dc7+ 20.Sc3 Ld8 21.a4 Se7 22.a5 Tf8 23.a6 Tf7 24.a7 Kf8 25.Sa6 bxa6.

3 thoughts on “Retro der Woche 07/2015

  1. auch ich möchte mir erlauben, hier noch mein empfinden betr. 1. und 2.preis zu schildern: ein einigermaßen objektives, sachkundiges urteil (insbesondere unter berücksichtigung von parallel- und vorgängeraufgaben sowie einstufung der konstruktionsschwierigkeiten) kann ich nicht abgeben, da mir die kompetenz dazu fehlt. ganz subjektiv finde ich aber das läufer-geschehen bei michel caillaud klar schöner als die thematischen springerzüge bei Kostas Prentos & Andrej Frolkin, weil die letzteren streng zentralsymmetrisch verlaufen. die übrigen züge beim 2.preis weisen diese symmetrie zwar gar nicht auf, aber für mich trübt ihr auftreten bei den wichtigsten (thematischen) zügen die ästhetische wirkung ziemlich stark.

  2. Danke an Thomas für die Präsentation dieser wirklich außergewöhnlichen Beweispartie. Betrügerbauern sind in der Regel durch das Durchlassen von Türmen (seltener Damen) motiviert – so auch in der Vergleichsaufgabe von Dupont. Die gemischtfarbige Darstellung lässt eine solche Motivation wahrscheinlich nicht zu, denn die Umwandlungen sind kaum zu motivieren. Das hier verwendete Schema mit den Bauern auf a7 und h2 sowie Springerumwandlungen könnte das einzig mögliche sein. Das ist ganz sicher fidealbumwürdig.

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