Retro der Woche 01/2015

Bei den traditionellen Problemschachtreffen im französischen Messigny (nördlich von Dijon) steht auch immer ein Retro-Kompositionsturnier auf dem Programm. Ähnlich wie bei den Turnieren in Andernach oder bei den WCCC Treffen bin ich immer wieder über die hohe Qualität der Aufgaben, die bei solchen Treffen entstehen, erstaunt.

Leicht und locker schaut das Siegerstück des Messigny-Turniers 2013 aus. Thema war der Volet-Bauer; benannt nach dem Thema des Thomas-Volet-50 Turniers: Ein Bauer schlägt mindestens fünf Mal auf der gleichen Diagonale.

Michel Caillaud
Messigny 2013, 1. Preis
Für welche Steine steht das Schlagfeld fest? (8+9)

 

Betrachtet man die weißen Bauernschläge, so sieht man sofort, dass wBa7 ein solcher Volet-Bauer ist: Er kann nur von f2 kommen, da [Bc2] offensichtlich nach b3 geschlagen hat.

Der hilft aber zunächst nicht bei der Beantwortung der gestellten Frage. Andererseits ist die Stellung des wK auf h7 sehr auffällig: Er kann ja nur über die a-Linie und b7 ins schwarze Lager eingedrungen sein. Vielleicht hat er dann den sBh7 zu Hause geschlagen?

Aber schauen wir uns zunächst an, was genau im Nordwesten passierte, als der wK ins schwarze Lager eindrang. Er kann dort nur via a6-b7 hinein gekommen sein.

Hierzu muss bereits a7xb6-b5 oder a7-a6xb5 erfolgt sein. [Ke1] steht dann auf a5, sodann erfolgt b7-b6+ Ka5-a6. Dies bedeutet einerseits, dass zu diesem Zeitpunkt unser thematischer [Bf2] bereits auf a7 stehen muss und andererseits, viel wichtiger, dass der [Lc8] in diesem Moment nicht auf seinem Partieausgangsfeld stehen konnte, da in diesem Falle Ka5-a6 nicht möglich gewesen wäre. Da er vorher auch nicht weggezogen haben kann, muss er vorher auf seinem Standfeld geschlagen worden sein.

Damit sind dann alle fehlenden schwarzen Steine prinzipiell erklärt. Und damit wissen wir auch, dass der letzte weiße Zug g2-g3 sein musste – also wurde auch [Lf1] zu Hause geschlagen.

Ferner ist damit auch klar, dass [Ke1] nicht [Bh7] schlagen konnte: Denn dieser musste sich umwandeln, um den [Lc8] zu ersetzen.

Das aber konnte er nur durch Umwandlung auf d1 oder b1, indem er sechs Mal (auf weißen Feldern) schlug. Dabei muss er auch den auf h8 umgewandelten [Bh2] geschlagen haben, allerdings kann er dabei den [Lc1] nicht geschlagen haben. Der muss also, da alle fehlenden weißen Steine erklärt sind, auf b6 geschlagen worden. Wir können nun also die oben angerissene Zugfolge bon [Ba7] und [Bb7] konkretisieren: a6xLb6-b5, b7-b6+.

Dies konnte allerdings erst gespielt werden, nachdem d2-d3 gespielt wurde, um diesen Läufer frei zu bekommen. Und das ging erst, nachdem [Bh7] sich in den Läufer umgewandelt und dann den Südosten verlassen hatte.

Unter seinen Schlagopfern muss sich auch [Ta1] befunden haben. Und der muss auf b1 geschlagen worden sein, da zum Umwandlungszeitpunkt noch [d2] und damit auch [Lc1] zu Hause standen, so dass [Ta1] sich nur auf b1 zum Schlag anbieten konnte.
Damit stehen für folgende Figuren die Schlagfelder fest:

[Lc8] auf c8, [Lf1] auf f1, [Lc1] auf b6, [Ta1] auf b1.

Neben dem offensichtlichen Volet-Bauern [Bf2] auf a7 gibt es noch einen verborgenen, weil umgewandelten Volet-Bauern [Bh7]; Lc8 kommt von b1 und ist ein Pronkin-Stein.

Wie ich finde ist das viel retroanalytischer Inhalt für diese sehr offene und locker erscheinende Diagrammstellung, eine tolle Werbung für klassische Retroanalyse.

One thought on “Retro der Woche 01/2015

  1. The author does very well in Messigny; he regularly wins the solving competitions, and in 2013 he won the composing tourney with this remarkable problem. With little material and much analysis, the capture squares of [Ta1, Lc1, Lf1, Lc8] are determined.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.