Retro der Woche 41/2014

Bernd Gräfrath, der neue Vorsitzende der Schwalbe, ist wie einige seiner Vorgänger, ein ausgewiesener Retro-Spezialist, was sich zum Beispiel daran zeigt, dass er internationaler Preisrichter für Retros ist.

Das teilt er mit zweien der drei letzten Schwalbe-Vorsitzenden: Wolfgang Dittmann und Hans Gruber. Nur Hemmo Axt ist aus dieser Phalanx ausgebrochen – das allerdings hindert mich nicht daran, ihm ganz herzlich zu seinem heutigen Geburtstag zu gratulieren, den er zum wiederholten Male auf der Schwalbe-Tagung feiern kann.

Bernd hat sich in den letzten Jahren intensiv mit Schlagschach-Beweispartien beschäftigt; bei orthodoxen arbeitet er sehr viel mit Rochade-Darstellungen, speziell den Paradoxa „Pseudo-Rochade“ und „Anti-Rochade“, wie ich die Themen einmal genannt hatte.

Heute möchte ich ein recht leichtes, aber doch bemerkenswertes Stück vorstellen, das mit ganz anderer Thematik daher kommt.

Bernd Gräfrath
Springaren 2009
Beweispartie in 11,5 Zügen (12+15)

 

Hier solltet ihr auch ohne Hinweise von mir einfach das Lösen versuchen…

Zunächst fällt auf, dass bei Schwarz alle seine noch vorhandenen Steine in der Partieausgangsstellung stehen, nur der [Bc7] fehlt. Bei Weiß fehlen vier Bauern – und da ist das Zählen der erforderlichen Züge auch Erfolg versprechender als bei Schwarz.

Gehen wir von der weißen Rochade aus, so zählen wir sofort elf weiße Züge: 1+2+2+2+3+1. Somit ist noch ein weißer Zug frei.

Der ist auch dringend notwendig, wenn Weiß mit seiner Figuren-Entwicklung beginnen will, noch bevor [Bc7] oder gar ein anderer schwarzer Stein Linien im weißen Lager öffnen konnte.

Vor allen Dingen sehen wir auch, dass Weiß das Schlagen seiner fehlenden Steine kaum aktiv unterstützen kann: Nur für einen einzigen der vier fehlenden Bauern steht überhaupt ein Zug zur Verfügung. Die anderen drei müssen zu Hause geschlagen worden sein.

Betrachtet man die weißen Züge, so kann eigentlich nur der [Be2] das Spiel für Weiß eröffnet haben – auch, weil Weiß sehr früh rochieren musste. Damit liegt dann eine Umwandlung auf d1 nahe, um dann die anderen drei Bauern in nur sechs Zügen verschwinden zu lassen – und dann auch noch selbst zu verschwinden.

Damit sollte dann auch die Umwandlung klar sein?!

1.e3 c5 2.Ld3 c4 3.Se2 c3 4.OO cxd2 5.De1 d1=S 6.c4 Sxf2 7.Sbc3 Sd1 8.Tf4 Sxb2 9.Df2 Sd1 10.La3 Sxe3 11.Tf1 Sd1 12.Sxd1.

Das ist in einer sehr zeitökonomischen Beweispartie eine Menge Inhalt: Ein Bauer wandelt sich um, verlässt ein Umwandlungsfeld und kehrt dorthin wieder zurück – das Donati-Thema. Das wird hier sogar dreifach gesetzt, und nach der dritten Rückkehr wird der Umwandlungsstein auf seinem Umwandlungsfeld auch noch geschlagen. Gibt es dafür einen speziellen Namen? Zumindest haben wir damit auch das Prentos-Thema: Ein Umwandlungsstein wird von einem Offizier geschlagen – also eine Spezialform des Ceriani-Frolkin-Themas.

Dass das alles mit der theoretischen Minimal-Zahl schwarzer Züge funktioniert, erfordert natürlich das simpelste denkbare Donati-Motiv, nämlich Schläge beim Verlassen des Umwandlungsfeldes. Dennoch eine höchst bemerkenswerte Darstellung – und sicherlich auch gleichzeitig ein hübsches Werbe-Stück für Beweispartien!

2 thoughts on “Retro der Woche 41/2014

  1. @ Per
    I do not think Bernd’s problem anticipates yours. To be sure, the theme is the same, but the implementation is completely different.
    @ Thomas
    I do not know of a name for the special case of the Donati theme exhibited here. It is quite common, and an improvement over the case where the promoted officer is not captured. But we have plenty of non-descriptive theme names already, and little purpose is served by adding more.

  2. Although a subscriber of Springaren I don’t recall seeing this proof game ( I must be getting old), otherwise I would probably not have published the following: Per Olin, Messigny Solving contest 2014 3r2k1/p2pn2p/8/2p1b3/4p3/5br1/P1PPPPPP/RNBQKBNR Proof game in 13,0 moves; solution 1.b4 c5 2.b5 Sc6 3.bxc6 e5 4.c7 Ld6 5.cxd8S Se7 6.Sxf7 0-0 7.Sd8 Tf3 8.Sxb7 Tg3 9.Sd8 Lb7 10.Se6 Lf3 11.Sxg7 e4 12.Se6 Le5 13.Sd8 Txd8. The story is that this was composed long ago to a certain competition, had a b-form where a black pawn performs the same excelsior + knight promotion with similar play. In spite of several tries during the years, I never got the b-form correct. It would be interesting to have opinions to what degree the proof game by Bernd anticipates mine.

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