Retro der Woche 36/2014

Hat Michel Caillaud beim 4. FIDE World Cup noch zwei Monate Zeit, seinen Preisbericht zu erstellen, so waren es beim traditionellen Champagner-Turnier, das er beim diesjährigen WCCC in Bern veranstaltet und gerichtet hat, gerade mal ein Tag.

In Abteilung A des Turniers, das nur für Kongressteilnehmer offen war, waren Beweispartien mit Gegenschachs gefordert. Michel erhielt 13 Aufgaben von elf Autoren; eines der Stücke erwies sich als nebenlösig.

Das Thema kann mit Schlägen, aber auch schlagfrei dargestellt werden, und bei der recht allgemeinen Beschreibung „n+1 aufeinander folgende Schachgebote implizieren n Gegenschachs“ scheint der Rekord bei sieben Gegenschachs zu liegen.

Kostas Prentos
Champgner-Turnier Bern 2014, 1. Preis Abt. A
Beweispartie in 18.5 Zügen (14+16)

 

Eine Überbietung dieses Rekordes hatte Michel nicht erwartet; er hatte sich entweder elegante Darstellungen oder mehrere kürzere Gegenschach-Folgen erhofft.

In der Diagrammstellung steht der schwarze König im Schach – bei dem ausgeschriebenen Thema nicht gerade überraschend. Es gilt also zu erklären, wie dieses Schachgebot zustande gekommen ist. Dafür gibt es drei Möglichkeiten, nämlich Th4-h5+, Le5-b2+ und Lf5-d3+.

Wenn wir nun thematisch lösen, so ist die dritte Alternative die wahrscheinlichste, denn sie lässt den weißen König nun im Schach, das sich, wieder thematisch, mittels Kd4-c5+ Tc3-e3+ g5-g4+ erklären ließe.

Spielen wir diese Züge also einfach zurück, so erreichen wir eine mögliche Stellung nach dem 17. Zug von Weiß – und diese Stellung wollen wir genauer untersuchen. Wir stellen fest, dass nur die weißen Bauern [d2] und [g2] fehlen, die offensichtlich nicht von schwarzen Bauern geschlagen worden sind.

Zählen wir die weißen Züge, so kommen wir auf 1+1+5+3+2+4=16. Damit verbleibt für die beiden fehlenden Bauern maximal ein Zug übrig: mindestens einer ist also zu Hause geschlagen worden.

Zählen wir analog bei Schwarz, so erhalten wir 5+1+2+3+1+3=15. Auch damit bleibt nur ein einziger schwarzer Zug offen, den er für den Schlag eines der beiden fehlenden weißen Bauern genutzt haben muss. In einem Zusatz-Zug kann das nur durch Lb7xg2-h1 geschehen sein. Damit ist klar, dass [wBd2] ein mal gezogen haben kann, um dort geschlagen zu werden. Das kann, da Schwarz nun keinen Zug mehr übrig hat, nur auf d4 geschehen sein: d2-d4+ Ke5xd4.

Nun können wir versuchen, über die erforderliche Reihenfolge in Teilen der Lösung der Gesamtlösung näher zu kommen, und da ist besonders der Südosten sehr ergiebig, da die drei weißen Offiziere dort in Verbindung mit sLh1 und der Bauernstellung nur in ganz bestimmter Reihenfolge gezogen haben können.

Das zusammen mit dem „Rest“ macht es dann nicht mehr allzu schwierig, die gesamte Lösung zu finden:

1.a4 a5 2.Ta3 Ta6 3.Tc3 Td6 4.b3 b6 5.Lb2 Lb7 6.Dc1 Lxg2 7.Sf3 Sc6 8.Tg1 Lh1 9.Tg5 Da8 10.Th5 g5 11.Lh3 Lh6 12.Lf5 Kf8 13.h3 Kg7 14.Sh2 Kf6 15.f3 Ke5 16.d4+ Kxd4 17.Kd2 g4+ 18.Te3+ Kc5+ 19.Ld3+.

Michel schrieb dazu: ‚Only‘ 4 thematical checks but of the same nature: they are all battery checks without capture, the most sophisticated nature of thematical moves. Very ‚professional‘ realization.

Ach ja, und nun möchte ich euch zum Selbst-Lösen den erwähnten Rekord nicht vorenthalten:

Kostas Prentos & Andrej Frolkin
Orbit 2010
Beweispartie in 15.5 Zügen (15+15)

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