Klassische Verteidigungsrückzüger finde ich deshalb so attraktiv, weil sie Retro- und Vorwärtsspiel auf einzigartige Weise miteinander verknüpfen. Das macht sie natürlich inhaltlich häufig komplex und anspruchsvoll — sowohl für den Komponisten als auch für den Löser.
Für heute habe ich eine Aufgabe ausgesucht, die durch ihre Zwillingsbildung schon Interesse weckt und in der sich unterschiedliche inhaltliche Komplexität zeigt. Insofern erscheint sie mir gerade für nicht so tief in der Materie steckende Retrofreunde besonders interessant und instruktiv.
O-O Spiegelzwillinge-TT 1981, 2. Preis
#1 vor 2 Zügen, VRZ Proca b) gespiegelt (a1<->h1) (11+8)
Über diese Aufgabe schreibt VRZ-Spezialist Wolfgang Dittmann in seinem Buch Der Blick zurück: „Die Stellung a) desZwillings bietet nicht viel Inhalt.“ Weiß hat mit seinen Bauern offenbar alle acht fehlenden schwarzen Steine geschlagen — dabei kam aber wBc6 nicht von g2, denn dann hätten alle Schlagfälle auf weißen Feldern erfolgen müssen, und der fehlende schwarzfeldrige Läufer könnte nicht erklärt werden. Also kommt er von f2, der Bauer auf f5 von g2.
Weiß kann bei seiner Rücknahme also nicht entschlagen: R: 1.Th3-e3, das droht R: 2.Sd5-e7 und v: 1.Th8#, dagegen verteidigt sich Schwarz mittels 1.— Kg8-f8 oder Kg8xSf8, doch nun kann Weiß 2.Sg6-e7+ zurücknehmen, wonach wieder v: 1.Th8# folgt.
Das hätte der Autor sicher nicht veröffentlicht, das hätte sicher keine hohe Auszeichnung erhalten, wenn im Zwilling alles analog liefe. Ja, die Zugfolgen von oben funktionieren auch in der gespiegelten Stellung, aber, man ahnt es, Schwarz kann sich dann besser verteidigen. Und wie, das sagt eigentlich schon die Quelle der Veröffentlichung, nämlich die von Hanspeter Suwe herausgegebene Zeitschrift „O-O“.
Nimmt Schwarz in b) nach R: 1.Ta3-d3 die lange Rochade zurück, geht doch immer noch analog zu oben R: 2.Se5-d7 und vor nun mit Schlag 1.Txa8#?? Nein, das geht nicht, denn was wäre der letzte Zug von Schwarz vor der Rücknahme Se7-d5 gewesen? Schwarz hätte keinen, denn nur König und Turm wäre beweglich gewesen, sie haben aber vor der Rochade nicht ziehen können, Schwarz wäre also Retropatt!
Weiß beginnt nun mit der Rücknahme R: 1.O-O-O! — aber was ändert das, wieso kann sich dann Schwarz nicht ebenfalls mit der langen Rochade verteidigen? Nun kommt wirklich Retroanalyse ins Spiel — und die solltet ihr nun einmal selbst untersuchen. Macht euch dazu klar, wieso meine Behauptung des Retropatts im vorherigen Absatz stimmt, und dann überlegt, was den Unterschied der Rücknahmen Ta3-d3 und O-O-O ausmacht?
Subtile retroanalytische Feinheiten, die man im ersten Moment sicherlich gar nicht erwartet.