Ich habe hier ja schon häufiger erzählt, dass ich Aufgaben mit Platzwechseln generell sehr mag. So könnt ihr euch sicher vorstellen, wie ich mich gefreut hatte, als für das erste Retro-Turnier im Rahmen des 10. WCCT „Orthodoxe Beweispartien mit Platzwechsel mehrerer Figuren“ ausgewählt wurde — und da Deutschland eines der fünf Richter-Länder war, konnte ich mich intensiv mit allen 57 eingesandten Aufgaben beschäftigen.
Die erstplatzierte und eine der drei auf den Plätzen 3-5 hatte ich hier bereits als Retro der Woche 06/2028 bzw. 09/2023 vorgestellt; heute möchte ich euch die Aufgabe zeigen, die auf dem zweiten Platz gelandet war.
10. WCCT 2017, 2 Platz
Beweispartie in 25 Zügen (13+15)
Bei Schwarz fehlt im Diagramm nur der g-Bauer — der aber kann auf der c-Linie, wo wir einen weißen Doppelbauern entdecken, nicht geschlagen worden sein. Er muss sich also nach gxBh auf h1 umgewandelt haben. Bei Weiß fehlen also noch die Dame sowie ein Bauer: Je nachdem, ob wBc4 von b2 oder von d2 kommt, also der Bd2 oder Bb2. Der muss nun schlagfrei umgewandelt haben, um dann selbst geschlagen zu werden oder den geschlagenen Originalstein zu ersetzen.
Wenn wir uns ein wenig Gedanken um sicher geschehene Züge machen, fällt uns schnell auf, dass beide schwarzen Springer sich bewegt haben müssen, um die Türme durchzulassen. Sollten die etwa …? Wir denken schließlich an das Thema des Turniers! Das würde dann für die Springer sechs Züge bedeuten statt der „nur“ vier bei einer normalen Rückkehr.
Und auch der wTh1 muss seinen Platz verlassen haben, denn exakt dort muss Schwarz ja umgewandelt haben. Und vor allen Dingen: Wohin konnte er ausweichen? Wenn wir die schwarzen Züge betrachten, so merken wir schnell, dass nicht allzu viel Zeit übrig bleibt. Eine Schnoebelen-Umwandlung kommt bei dem weit entfernten weißen König nicht in Frage, also müssen wir davon ausgehen, dass wTc1 der Umwandlungsstein ist. Das macht aber sie Sache nicht einfacher, weil sich sTc1 und wTh1 gegenseitig im Weg stehen.
Vielleicht bringt uns das zu einer Idee, die im ersten Moment völlig unwahrscheinlich ist: Sollten etwa die weißen Türme … ? Dann müssen wir allerdings überlegen, wie der wTa1 nach h1 gekommen sein könnte. Dafür bietet vielleicht die Stellung des weißen Königs einen Anhaltspunkt? OK, die lange Rochade spart dem König Zeit und bringt den Turm auf eine offene Linie (was dann auch beantworten würde, woher wBc4 kommt). Aber stört da nicht die schwarze Dame?
Das lohnt doch sicherlich, näher untersucht zu werden?
Eine tolle Aufgabe, wie ich finde, mit einer äußerst subtilen Motivation für die thematischen Platzwechsel!
10.5 (völlig verdiente) Punkte im FIDE-Album sprechen für sich.
Die Technik des Platzwechsels der schwarzen Springer war schon zuvor gezeigt worden – P1080389 mit 2x Ceriani-Frolkin weißer Springer. Man braucht bei der Konstellation schwarzer Bauern auf dem Damenflügel zwei Züge mehr für die Springer als auf en ersten Blick sichtbar. Die Kombination mit dem Platzwechsel der weißen Türme ist mit dem unscheinbaren Phönix Tc1, der dort dem wTh1 im Weg steht, so dass dieser zur Rückkehr nach h1 4 Züge (= 1 Zug zuviel) bräuchte, grandios erdacht.
Noch der Schnelllink: https://pdb.dieschwalbe.de/P1080389