Retro der Woche 50/2021

Vor zwei Wochen habe ich hier den berühmten Beweispartie-Längenrekord von Karl Fabel aus dem Jahr 1947 vorgestellt und dabei erwähnt, dass er 35 Jahre lang Bestand hatte. Dann musste ein junger Mann aus Frankreich kommen, der zur Zeit der Veröffentlichung von Fabels Rekord noch lange nicht geboren war, erst zehn Jahre später auf die Welt kam, sich dann aber sehr schnell als Riesentalent zeigte, der speziell die Beweispartie neben dem gleich alten (jungen — beide sind Jahrgang 1957) Andrej Frolkin und anderen Pionieren nach vorn, zu ihrer heutigen Blüte brachte: Michel Caillaud.

Michel Caillaud
Die Schwalbe 1982, 1. Preis, Karl Fabel zum Gedenken
Beweispartie in 47 Zügen (11+15)

 

Eine gewisse Ähnlichkeit weisen die beiden Stellungen schon im Diagramm auf: weißes Material auf der achten Reihe, schwarzes im Südwesten, ähnliche Bauernstrukturen; weitere Ähnlichkeiten werden wir entdecken, wenn wir uns die Lösung anschauen.

Schauen wir zunächst nach den Bauern: Weiß hat genau einen schwarzen Stein geschlagen, näm-lich mittels gxf die Dame. Ferner fehlen zwei schwarze Bauern, nämlich [Ba7] und [Bh7], die aber als umgewandelte Springer wieder aufgetaucht sind. Und die erklären schon einige Schläge: [Ba7] benötigt mindestens zwei Schläge „um [Ba2] herum“, um auf die erste Reihe zu gelangen – warum scheidet die Möglichkeit a3xXb2 aus? Und irgendwie musste ja auch [Bh2] verschwinden: Entweder wurde er einfach geschlagen, oder er hat sich schlagfrei auf h8 umgewandelt. Dann aber muss [Bh7] ihm Platz gemacht haben, also muss dann irgendwann hxg geschehen sein. Damit bleibt dann vorläufig „nur“ das Verschwinden eines weißen Steins offen.

Ich will euch nicht unbedingt animieren, das Stück komplett selbst zu lösen. Aber ich möchte euch einladen, zumindest ein paar Überlegungen zum möglichen Lösungsverlauf anzustellen.

Wenn ihr nun versuchen wollt, eine Lösungsstrategie zu entwickeln, so möchte ich euch verraten, dass Caillaud eine gleiche „Eröffnung“ wie Fabel gewählt hat, dass es ihm gelungen ist, das „Fabel‘sche Turmpendel“ um einen Ausschlag zu erweitern. Und dann könnt ihr euch überlegen, wie der weiße Turm nach f8 gelangt ist, welchen Weg der weiße König zurücklegen musste, wie sich der Südwesten befüllen konnte, welche Springer welche Wege gegangen sein könnten, was auf der g- und h-Linie passiert sein könnte, was der schwarze Turm auf a7 wohl gemacht hat?

Und nun viel Spaß beim Durchspielen und Staunen – welche eurer Überlegungen haben sich als richtig erwiesen?

Lösung


Großartige Technik!

Um die Lösung besser zu verstehen, ist es sicher sinnvoll, sie mehrfach durchzuspielen und sich dabei besonders auf eine oder zwei Fragen, die wir oben gestellt haben, die euch selbst bei den Vorüberlegungen gekommen sind, zu konzentrieren. Das lohnt sicherlich!

Einen ganz so langen Bestand wie Fabels Rekord hatte dieser nicht: Fünf Jahre später konnte ihn Karl-Heinz Bachmann (P0002277) um ein Zugpaar steigern, bis dann nur zwei weitere Jahre später mit einem völlig anderen Schema auch dieser Rekord pulverisiert wurde…

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