Retro der Woche 32/2019

In der letzten Woche hatte ich kurz das Stichwort „Autoren-Lösen“ angesprochen, und da möchte ich heute anhand eines Beispiels näher drauf eingehen.

Wenn ich eine Aufgabe von Tom Volet aus New York sehe, schaue ich sofort nach Möglichkeiten für Schachschutz: Das ist ein besonders beliebtes Thema von ihm, das er in immer neuen Variationen zu bearbeiten vermag.

Thomas Volet
Phénix 2005
Löse auf! (14+12)

 

Betrachten wir zunächst aber die Schlagbilanz: Die beiden fehlenden weißen Türme wurden auf c6 und h6 von schwarzen Bauern geschlagen.

Bei Weiß sehen wir vier Schlagfälle: cxb, zweimal bxa sowie f5xe6; damit sind auch die fehlenden schwarzen Steine (Dame, zwei Springer sowie [Bf7]) erklärt. Der fehlende schwarze Bauer konnte nicht direkt geschlagen werden, er muss sich also schlagfrei auf f1 umgewandelt haben.

Auffällig ist auch, dass kein König im Schach steht und trotzdem offen gelassen ist, wer mit der Rücknahme beginnen muss.

Allerdings sehen wir bei genauerem Hinschauen, dass Schwarz im Diagramm nur die Rücknahmemöglichkeit g7xTh6 hat, und danach wäre er endgültig retropatt.

Das gilt es natürlich zu verhindern, daher muss Weiß rasch den sLe1 zugfähig machen — indem er einen Schachschutz (aha, da war doch was??) auf e3 oder d4 errichtet.

Damit sollten die ersten zwei Züge bei Weiß und Schwarz bereits klar sein. Dieser Schachschutz wäre allerdings als Inhalt reichlich wenig. Wenn wir uns die Stellung genauer anschauen, fällt sicherlich wSc2 ins Auge: er ist einerseits durch sTc1 gefesselt und andererseits Batterie-Vorderstein von wLd1. Das kann, gerade bei dem Autor, kein Zufall sein!

Vor allen Dingen deswegen nicht, weil wir bei genauem Betrachten sehen, dass sTc1 fix befreit werden muss, und das geht nur, indem wSc2 zieht. Denn niemand anders als sTc1 kann auf f1 entwandeln! Ein anderer Stein kann zu diesem Zweck nicht mittels Bf5xXe6 entschlagen werden: Dieser Entschlag ist ja erst nach der Entwandlung des [Bf7] und Rückzug dieses Bauern bis f6 möglich.

Also müssen b3 und c3 verstellt werden -– dazu haben wir genau wDd8 und den entschlagenen wTh6 zur Verfügung. Und gleichzeitig müssen wir auch immer das Feld e3 besetzen, damit Schwarz seinen Pendel-Läufer nutzen kann.

Das ist alles ziemlich raffiniert ausgedacht, aber nach unseren Vorüberlegungen nicht allzu schwer zu lösen, sodass ich euch ermutigen möchte, jetzt selbst nach der Lösung zu suchen, bevor ihr sie anschaut!

Lösung

R: 1.Dg5-d8 g7xTh6 2.De3-g5 Lf2-e1 3.Tf6-h6 Le1-f2 4.Tf3-f6 Lf2-e1 5.Dg5-e3 Le1-f2+ 6.Te3-f3 Lf2-e1 7.Tb3-e3 Le1-f2+ 8.De3-g5 Lf2-e1 9.Dc3-e3 Le1-f2+ 10.Se3-c2 Tc2-c1 11.Sc4-e3 Tc1-c2 12.Df3-c3 Tc3-c1, und weiter z.B. 13.Dh1-f3 Tf3-c3 14.– Tf1-f3 15.– f2-f1=T 16.– f3-f2 19.– f6-f5 20.f5xTe6 Te8-e6 21.Kd4-c5 e6-e5+ (e7-e5+??), und die Stellung kann nun bequem freigespielt werden.

Wer hat die Anzahl der Schachschutz-Züge gezählt? Besonders hübsch finde ich die Ablösungen auf e3 (D-T-D) sowie das Spiel auf der c-Linie.

Ich meine, das ist eine wunderschöne Werbung für klassische Auflöse-Aufgaben!

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