Retro der Woche 29/2018

Der Ukrainer Alexander Kisljak (27.12.1938-5.5.2010) war ein bedeutender Komponist besonders von klassischen Auflöse-Retros, der auch häufig mit dem Russen Nikita Plaksin (*9.7.1931) zusammengearbeitet hat; dabei sind teils höchst komplexe Stücke entstanden. Heute habe ich allerdings eine Aufgabe herausgesucht, die nicht so komplex und auch nicht allzu schwer zu lösen ist.

Alexander Kisljak
Schach 1990
Welches waren die letzten 8 Züge? (14+15)

 

Schauen wir uns wie üblich die sichtbaren Schlagfälle an: Weiß schlug fxDg – nur eine Dame fehlt bei Schwarz. Bei Weiß fehlen die beiden Springer. Die sind offensichtlich durch dxe und gxh verschwunden. Andere Entschläge sind also nicht möglich, und auch um Umwandlungssteine müssen wir uns keine Gedanken machen.

Nun empfehle ich euch, erst einmal nicht weiter zu lesen, sondern euch selbst mit der Stellung zu beschäftigen, vielleicht selbst die letzten 16 Einzelzüge zu finden.

Zunächst sieht man sofort, dass Weiß mit der Rücknahme beginnen muss, da der schwarze König im Doppelschach (sogar matt) steht. Und damit ist der erste Zug auch schon klar: Tg2-f2# — schlagfrei, denn es sind ja keine Schläge für Figuren mehr frei.

Die Hauptschwierigkeit bei diesem Problem ist, dass Weiß „beinahe“ retropatt ist: Weiß kann seinen Schlag noch nicht zurücknehmen, da die Könige das blockieren, und auch Schwarz kann noch nicht entschlagen und damit wieder bewegliche Steine, in diesem Fall also Springer, ins Spiel bringen: g5xSh4 ist illegal, da Weiß das Schach gegen den schwarzen König nicht aufheben kann. Auch g7xSh6 geht nicht, da das den [Lf8] aussperren würde – also ebenfalls illegal.

Was ist aber mit d6xSe5? Das nimmt zwar Weiß die Gefahr des retropatt, aber erfordert, dass [Ta8] über den Nordosten nach Hause kommt. Und dann müsste ein schwarzer Turm auf der schwarzen Grundreihe auftauchen, bevor [Lf8] wieder zu Hause uns mittels g7xSh6 „fixiert“ ist.

Das aber kann nicht klappen, da beide schwarzen Türme im Südost-Käfig gefangen sind – und der kann nur durch wKg5-f5 geöffnet werden. Das wieder setzt voraus, dass [Lf8] zu Hause ist, damit dann nämlich g7xSh6+ zurückgenommen werden kann.

Also müssen wir versuchen, den sLg1 so schnell wie möglich nach Hause zu führen. Dabei müssen wir aufpassen, dass wir nicht unvorsichtig seinen Weg verstellen.

Mit diesen Vorüberlegungen haben wir die Aufgabe schon beinahe gelöst, ohne bisher auch nur einen konkreten Zug (außer dem Mattzug) betrachtet zu haben. Schwer ist es nun nicht mehr, die anderen 15 eindeutigen Einzelzüge zu finden:

R 1.Tg2-f2# Lf2-g1 2.a3-a4 Lg3-f2 3.a2-a3 Lf4-g3 4.g3-g4 Lg5-f4 5.f2xDg3 Lf6-g5 6.g5-g6 Lg7-f6 7.g4-g5 Lf8-g7 8.Kg5-f5 g7xSh6+ usw.

Ein sehr hübscher, eleganter „Zickzack-Lauf des [Lf8], der wie weiland der berühmte Läufer von Marathon nach Athen gelaufen ist, um den Sieg zu verkünden – und dann an der großen Strapaze zu sterben. Hier stirbt der Läufer nicht, sondern er wird „nur“ eingemauert.

Das „usw.“ in der Lösungsangabe sagt übrigens nicht, dass es nun völlig trivial ist, die Stellung aufzulösen: Auch da müssen wir noch sorgfältig spielen – und gerade den nicht so ganz erfahrenen Retrofreunden und Lösern möchte ich empfehlen, das in Ruhe selbst zu versuchen.

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