Retro der Woche 20/2017

Am letzten Freitag konnte Andrej Frolkin seinen 60. Geburtstag feiern, und deshalb habe ich natürlich für heute eine weitere Aufgabe von ihm herausgesucht. Sie ist exakt 30 Jahre alt und hat sogar inhaltlich ein wenig mit dem am Freitag vorgestellten Stück zu tun.

Andrej Frolkin
Die Schwalbe 1987, 3. Preis
Letzte 34 Einzelzüge? (15+10)

 

Ein paar Details der Stellung sieht man recht schnell:

Der fehlende weiße Springer wurde mittels axb geschlagen; zwei Schläge durch Weiß (dxc, cxb) sind ebenfalls sofort sichtbar.

Und klar ist, dass Schwarz mit der Rücknahme beginnen muss, denn der weiße König steht im Schach. Da sBd3 nicht entschlagen kann, haben wir schon 1/34 der Lösung: R: 1.d4-d3+.

Dann wird es aber ein wenig komplizierter, wenn wir uns überlegen, wie der Knoten im Westen aufgelöst werden kann.

Zunächst einmal sehen wir, dass die vier schwarzen Bauern des Königsflügels alle auf ihren Linien (von Figuren) entschlagen werden müssen, da sie selbst nicht mehr geschlagen haben können. Und damit sind auch alle fehlenden schwarzen Steine erklärt.

Gern würden wir, nachdem wLd1 und wKc2 weggezogen haben, c2-c3 zurücknehmen, dann wäre der Rest ziemlich bequem. Das aber geht nicht, weil dann wBb4 der [Bd2] wäre, der beide Entschläge durchgeführt haben müsste. Die aber hätten beide auf schwarzen Feldern stattfinden müssen – was aber nicht geht, da ja bei Schwarz [Lc8] fehlt, der also auf einem weißen Feld entschlagen werden muss.

Damit müssen die weißen Entschläge der Bauern dxSc3 und cxLb3 gewesen sein. Das aber macht die Auflösung deutlich komplizierter, da für cxSc3 bereits Ta1 ebenso wie Lc1 wieder zu Hause sein müssen, zuerst natürlich der Turm.

Das dauert aber eine Weile, und Schwarz droht retropatt zu werden, also keine möglichen legalen Rückzüge mehr zu haben: Im Moment kann nur sBd3 Züge zurücknehmen.

Damit ist klar, dass beim Nach-Hause-Spielen der weißen Steine schwarze Bauern auf dem Königsflügel entschlagen werden müssen, um das Retropatt zu vermeiden. Dafür kommt zunächst nur Ld1 auf seinem Weg nach Hause in Frage: wTc6 steht „zu weit oben“, um so entschlagen zu können, dass Schwarz dadurch ausreichend Bauernzüge gewinnt – und zieht er erst „nach unten“, verliert er zu viel Zeit, bis Weiß alle notwendigen Vorbereitungen für die Rücknahme von dxSc3 getroffen hat.

R: 1.– d4-d3+ 2. Kc1-c2 Wieso hierhin? Das ist doch das Zielfeld des Lg1, warum nicht Kc2-d2, das ist doch näher an e1? Aber vielleicht habt ihr ja nun schon eine Idee, wie Weiß noch ein wichtiges, hinterher entscheidendes Tempo einsparen kann? 2.– d5-d4 3.Lc2-d1 d6-d5 4.Le4-c2 d7-d6 5.Lf3xBe4 e5-e4 6.Lh2-g1 e6-e5 7.Tg1-g2 e7-e6 8.Lg2xBf3 f4-f3 9.Lf1-g2 f5-f4 10.g2-g3 f6-f5 11.Lg3-h2 f7-f6 12.Lh4xBg3 g4-g3 13.Td6-c6 g5-g4 14.Td1-d6 g6-g5 Weiter kann der Bauer nicht zurückziehen, da ja [Lf8] noch heimmuss. 15.Lg5xBh4 h5-h4 16.0-0-0 Das gewinnt das schon angesprochene Tempo – zählt einmal selbst nach! 16.– h6-h5 17.Lc1-g5 h7-h6 18.d2xSc3 etc.

Nachdem sSc3 und sTb3 weggezogen haben, kann Schwarz Ka5-a4 zurücknehmen, damit b3-b4+ Kb4-a5 Sc5-a6 folgen kann. Dann geht es relativ einfach weiter zurück.

Beim weiteren Rückspiel muss man dennoch etwas aufpassen und nicht zu früh axSb zurücknehmen, damit nicht [Ta8] ausgesperrt wird. Außerdem muss Schwarz den fehlenden weißen Springer „im richtigen Moment“ entschlagen, denn Weiß kann keine Tempi mehr gewinnen oder verlieren – warum nicht? Oder Schwarz muss selbst noch ein Tempo einschieben.

Auch wenn die Auflösung nicht so wahnsinnig schwer ist wegen der permanenten Zugnot von Schwarz, enthält sie doch einige nette Pointen wie etwa die Rochade, die das entscheidende Tempo spart.

Und dass die fehlenden Bauern in der „richtigen Reihenfolge“ e-f-g-h entschlagen werden, empfinde ich ebenfalls als sehr hübsch.

One thought on “Retro der Woche 20/2017

  1. Some time pressure is needed to make retro-plays unique.
    In proof game problems the time pressure is provided by the stipulation.
    In resolution retros it must come from the retro-play itself; in this problem, White must hurry to get his men in the correct positions, and uncapture the black pawns, before Black runs out of pawn retractions.
    The uncastling is easy to guess; without it, the retro-play would not be unique, as Tb6 could go to a1 or b1. Still, a most delightful classical resolution retro.

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