Retro der Woche 03/2017

Kürzlich hatte ich auf den Artikel „Motivation: the underlying contents in SPGs“ von Roberto Osorio in der Januar 2017 Ausgabe von Problemas hingewiesen. Daraus möchte ich heute die erste Aufgabe vorstellen; die zweite hatte ich bereits im Retro der Woche 10/2014 vorgestellt.

Gianni Donati
StrateGems 2009
Beweispartie in 18 Zügen (14+13)

 

Beginnen wir wie üblich mit der Inventur: Bei Weiß fehlen [Lf1] und [Bf2], letzterer wurde auf f6 geschlagen – wegen der Felderfarbe kommt dort als Schlagopfer [Lf1] nicht in Frage.

Bei Schwarz fehlen die beiden Läufer sowie [Ba7]. Offensichtlich starb [Lc8] auf h3 und [Lf8] auf c3, denn dorthin konnte [Ba7] mangels Schlagfälle nicht kommen.

Damit sind die Schlagfelder für [Lf1] und [Ba7] noch offen.

Zählen wir nun die sichtbaren Züge, zunächst bei Schwarz: 2+0+0+0+0+2=4 – das ist erschreckend wenig! Doch damit [Ke8] nach h8 und [Th8] in nur zwei Zügen (mittels Rochade) nach f8 gelangen konnten, musste [Sg8] wegziehen und dann heimkehren – das sind zwei weitere Züge. Außerdem mussten die beiden schwarzen Läufer jeweils vier Züge zu ihren Opferfeldern machen – somit kennen wir 14 schwarze Züge. Allerdings sind damit immer noch vier frei.

Zählen wir nun analog bei Weiß: 0+2+3+2+3+3=13; ferner wissen wir, dass [Bf2] auf f6 starb, und damit sind 16 Züge prinzipiell klar. Damit bleiben Weiß maximal zwei Züge, seinen [Lf1] loszuwerden. Wenn er die benötigt, muss er auf der Diagonale g2-a8 gestorben sein. Andererseits ist nicht zu sehen, wie Schwarz den Läufen in vier Zügen auf f1 oder g2 abholen könnte.

Mit diesem Zählen ist auch klar, dass [Ba7] zu Hause starb: Weiß hat schlicht keine andere Möglichkeit, als ihn dort zu schlagen.

Können wir auch schon etwas über Schlagreihenfolgen sagen? Ja. Zunächst musste g7xBf6 erfolgen, damit [Lf8] sich auf c3 opfern konnte. Anschließend konnte [Lc1] auf a7 schlagen, woraufhin Bb6 den [Lc8 freispielen konnte, der sich dann auf h3 opfern konnte. Erst jetzt kann dann [Lf1] seine zwei Züge ausführen, um geschlagen zu werden.

Wenn man nun die schwarzen und weißen Züge ordnet, stellt man fest, dass gxLh3 frühestens im 15. Zug erfolgen konnte – damit konnte [Lf1] auf der langen Diagonale frühestens im 17. Schwarzen Zug geschlagen werden. Doch wo?

Das ist nun die entscheidende Frage – und wenn die geklärt ist, dann entdecken wir auch, was Schwarz in den ersten Zügen machen musste, bevor gxBf6 erfolgen konnte?

Das ist dann doch auf den ersten Blick verblüffend und überraschend!

1.f4 Sa6 (Sc6?) 2.f5 Tb8 3.f6 gxf6 4.a4 Lh6 5.Ta3 Lf4 6.Tf3 Le5 7.Tf5 Lc3 8.dxc3 Sh6 9.Le3 OO 10.Lxa7 b6 11.Sf3 Lb7 12.Se5 Lf3 13.Dd4 Lg4 14.Dg1 Lh3 15.gxh3+ Kh8 16.Lg2 Sg8 17.La8! Txa8 18.Sc6 Sb8.
Damit musste also nicht nur [Sg8], wie wir schon vorher gesehen hatten, zurückkehren, sondern auch [Ta8] und [Sb8].

In seinem Artikel verweist Roberto darauf, dass solche Switchbacks (tss) schon mehrfach existieren und auch recht leicht zu erreichen sind etwa durch Linienöffnungen (wie hier bei Sg8), Schachschutz usw.

Hier sind allerdings die Switchbacks von Ta8 und Sb8 nur aus einem einzigen Grunde erforderlich: [Lf1] kann sich nur auf a8 opfern! Eine sehr originelle Motivation für eigentlich nicht mehr so originelle Manöver.

Und genau darum geht es Roberto in seinem Artikel: Man kann seiner Meinung nach nicht von „Vorwegnahme“ sprechen, nur weil solche Switchbacks schon mehrfach dargestellt worden sind, denn hier haben wir eine hochoriginelle Motivation dafür.

Also ist seine These: „Unterschiedliche Motivation ist unterschiedlicher Inhalt!“ Was meint ihr dazu? Ich jedenfalls stimme Roberto vollständig zu!

3 thoughts on “Retro der Woche 03/2017

  1. Auch ich halte den Aufsatz für wichtig und stimme Roberto zu. Hier könnte man noch beliebig viel mehr schreiben. Zu einem ganz ähnlichen Thema folgt in der nächsten Schwalbe auch ein Artikel von Bernd G., bei dem er sich selbstkritisch mit eigenen Urteilen zu Retroaufgaben auseinandersetzt.
    Für meinen Geschmack ist in diesem Genre die Auffassung Vorläufer oder nicht bei verschiedenen Preisrichtern zu unterschiedlich. Während z.B. in Zweizügern durchaus identische Themen (auch mit denselben Figuren) bei komplett anderer Matrix als hochoriginell angesehen werden, scheint das bei BPs häufig nicht anerkannt zu werden. So fiel meine Vierfachpronkin (DTdt) beim WCCI durch (= kam auf diesem Wege nicht ins FIDE-Album). Die Nachfrage bei einem Richter, den ich beim WCCC traf, ergab, dass er die vorherige Realisierung in seine Wertung einbezog und meine BP daher herabstufte. Dass ich auf völlig anderem Weg (=mit komplett anderer Matrix) dahin gelangte, wurde m.E. nicht genügend berücksichtigt.
    @Thomas: Bitte bringe doch vielleicht ein Beispiel aus Bernds Liste (z.B.) CF(DDDD), wenn die Schwalbe dann erschienen ist. Das lässt sich wunderbar diskutieren.

  2. I also agree completely (but then, who in their right mind would disagree?).
    Gianni has made several proof games like this, where the solver is quite flappergasted, when he sees the solution. Note the white Sc6 in the diagram, preventing cooks with Sb8-a6-b4xLc6-b8 or similar.

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