Retro der Woche 47/2016

Ich finde es immer wieder interessant, sich Beweispartien anzuschauen, die etwa 20 Jahre alt sind. Da merkt man, welch unglaubliche Fortschritte auf diesem Gebiet in den letzten Jahren gemacht worden sind, wie stark sich gerade diese Aufgabenart weiterentwickelt hat – vielleicht höchstens noch vergleichbar mit längeren Hilfsmatts.

Bei beiden hilft sicherlich die enorm gestiegene Möglichkeit der Computerprüfung, einerseits gewagtere Themen zu wagen, andererseits besonders elegante Fassungen zu suchen – beides natürlich voll im Sinne aller Problemfreunde.

So war auch die heutige Aufgabe zunächst inkorrekt; die nun vorliegende Fassung ist allerdings Computer-geprüft.

Olli Heimo
Die Schwalbe 1998 (V), 1. Preis
Beweispartie in 21 Zügen (10+14)

 

Die üblichen Stellungsanalysen bringen uns hier nicht sofort weiter: Zwei schwarze Steine fehlen: ein Turm (wahrscheinlich, aber nicht sicher: [Th8]; bei wBf7 wissen wir nicht, ob er von e2 oder von g2 kommt.

Mit den fehlenden weißen Steinen ist es noch schwieriger: Vier Bauern fehlen, dazu ein Turm und die Dame. Andererseits sind sicher nur zwei schwarze Bauernschläge sichtbar.

Nicht einfacher wird die Sache, wenn wir die (minimalen) offensichtlichen Züge zählen: Da kommen wir bei Weiß auf 4+0+1+1+0+6=12 und bei Schwarz auf 1+1+0+2+0+13=17; somit fehlen bei Weiß noch neun, bei Schwarz immerhin noch vier Züge.

Allerdings fehlen Züge von fehlenden Steinen, und dann sehen wir auch schnell, dass auch die Züge der sichtbaren Steine zu knapp gezählt sind: so können wTa5 und wBa4 nicht in zwei Zügen erreicht haben, da ja wTa1 nicht durch wBa2 hindurchziehen konnte: Entweder kommt Ba4 von b2 (von c2 kann er wegen der Schlagbilanz nicht kommen), dann braucht Weiß schon einen Zug mehr, oder Ba4 ist doch [Ba2], dann braucht [Th1] drei Züge nach a5, [Ta1] wegen des wSb1 mindestens vier Züge.

Ferner müssen ja auch irgendwie die fehlenden weißen Steine geschlagen worden sein: Das kann nicht immer zu Hause passiert sein: Dafür würden erstens die freien schwarzen Züge nicht reichen, und zweitens haben wir ja auch (mindestens) zwei schwarze Bauernschläge.

Spannend ist natürlich auch die Frage, wie das Schach gegen den weißen König (wenn man genauer hinschaut, merkt man gar, dass er matt steht) entstanden ist? Natürlich bietet sich Ld8-e7# an, auch Ld/f8xXe7#.

Aber vielleicht bekommt man ja bei der Stellung des Königs, der drei schwarzen Bauern auf der dritten Reihe sowie der Dame und Läufer einen Verdacht? Der Mattzug kann ja auch c4xBb4e.p.# gewesen sein, und davor b2-b4 c5-c4+. Das könnte dann weiter zurück gehen mit Kb3-a3 – und dann zweimal dieses ep-Spiel?

Nun, dafür würden weitere weiße Züge gebraucht, dann würde auch der Königsweg nach a3 länger, da dann ja plötzlich Bb2c2d2 im Wege stünden?! Das wären auf einen Schlag fünf Züge mehr – mit unseren Überlegungen zu Ta5/Ba4 sowie der Frage, wie wir noch [Dd1] loswerden (möglicherweise auf c6?), bleibt nicht mal mehr viel Zeit, sich um das Verschwinden des [Ta1] zu kümmern.

Versucht doch nun einfach mal, diese drei e.p.-Schläge zurückzunehmen, und dann habt ihr eine Beweispartie in 15 Zügen auf dem Brett, die dann sicher eine Portion einfacher zu lösen ist.

1.h4 h5 2.Th3 Th6 3.Ta3 Te6 4.Ta5 Txe2+ 5.Kxe2 e5 6.a4 Df6 7.Ta3 Lxa3 8.Kd3 Le7 9.Df3 c5 10.Dc6 bxc6 11.g4 d5 12.g5 Le6 13.g6 Kd7 14.gxf7 g5 15.Kc3 g4 16.Lb5 e4+ 17.d4 exd3e.p.+ 18.Kb3 d4+ 19.c4 dxc3e.p.+ 20.Ka3 c4+ 21.b4 cxb3e.p.#.

Das war damals wohl die Erstdarstellung dreier ep-Schläge in einer Beweispartie. Ich komme natürlich nicht daran vorbei, nun auf eines meiner Lieblings-Retros zu verweisen, die erstmalige Darstellung dreier ep-Schläge in einem klassischen Retro schon im Jahre 1915 durch Niels Høeg – für mich immer noch eines der besten und schönsten Retros aller Zeiten.

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