Retro der Woche 13/2016

Bei meinen Infos zum März-Heft des Problemist hatte ich Bernd Gräfraths Artikel über Retraktoren von Josef Haas erwähnt. Von ihm möchte ich heute eine andere Aufgabe vorstellen

Josef Haas
Mannheimer Morgen 1975, In memoriam Dr. Karl Fabel
Matt in einem Zug (8+12)

 

Der gewitzte Leser/löser wird sofort sagen: Na klar, 1.Kd2#!; 1.0-0-0 geht nicht, denn dann wäre das Stück ja nebenlösig!

Das stimmt schon, aber das „die Rochade geht nicht“ ist natürlich der eigentliche Kern der Aufgabe: Warum nicht?

Beginnen wir mit der Analyse fehlender Steine: Bei Schwarz fehlen [Ta8], [Ba7] sowie seine beiden Springer. Bei Weiß fehlen die fünf östlichen Bauern, ein Springer und beide Läufer.

Doch ist das so ganz richtig? wTh8 kann nicht in das nordöstliche Nest gelangt sein, er muss dort umgewandelt haben. Bevor der UW-Turm nach h8 ziehen konnte, musste bei Schwarz Bh6 und Th7 erfolgt sein. Damit ist auch klar, dass die Turm-Umwandlung auf g8 hat stattfinden müssen: Sonst hätte [Th8] nach g8 ausweichen müssen, dann aber wären die beiden Türme nicht mehr aneinander vorbei gekommen.

Erst anschließend kann der Springer nach g8 gelangt sein: Entweder als weiterer Umwandlungsstein oder via f6. Wäre er durch Umwandlung entstanden, hätte das zwei Schlagfälle erfordert — ebenso viele, wie bereits die Erwandung des [Th8] erfordert hat. Das passt von der Schlagbilanz (bei Schwarz fehlen vier Steine), aber alle diese Schläge hätten in der Nordost-Ecke stattfinden müssen. Dort hätte dann auch der [Ta8] geschlagen werden müssen. Das aber ging nicht, da er dafür hätte in die Nordostecke gelangen müssen, das ist aber offensichtlich nicht möglich.

Also ist der wSg8 ein Originalspringer, der nach g8 nur via f6 gelangen konnte. Also muss er dort hingezogen haben, bevor Schwarz f6 hat spielen können. Das aber führt zu dem nächsten Problem: da konnte der schwarze König also noch nicht den Norden verlassen haben — war er dann nicht auf e8 einem Schach ausgesetzt? Das kann aber nicht sein.

Die schwarze Dame konnte auch noch nicht ausweichen, sodass sie ihm d8 als Zwischenstation zur Verfügung stellen konnte. Also bleibt nur übrig, dass Weiß die schwarze Dame auf ihrem Ursprungsfeld mit einem Springer geschlagen hat, um so dem König die Warteposition auf d8 zur Verfügung stellen zu können.

Das aber heißt, dass sDd8 eine Umwandlungsfigur ist! (Speziell in Beweispartien heißt solch ein Umwandlungsstein, der auf dem Ursprungsfeld des Originalsteins steht, den er erstetzt, Pronkin-Stein.) Demnach muss sich also [Ba7] in eine Dame umgewandelt haben.

Das kann irgendwo auf d1 bis g1 gewesen sein. Fand die Umwandlung auf e1 statt, musste [Ke1] dafür sein Standfeld temporär räumen. Auf g1 wäre der Bauer zwangsläufig nur über f2 gelangt — also Schachgebot durch den Bauern, auch dann musste Ke1 ziehen. Bei einer Umwandlung auf d1 oder f1 bot die Dame dann Schach, das der König auch nur durch Wegziehen parieren konnte.

Also muss der weiße König im Zusammenhang mit der Umwandlung gezogen haben, also ist die lange Rochade nicht mehr zulässig, und 1.Kd2# ist damit der einzig legale Mattzug.

Ein Löser gestand im Nachhinein: „Ich kam nicht auf die Idee, die sD als Umwandlungsfigur zu betrachten und kam dann natürlich zu dem Schluss, das diagramm müsse auf dem Kopf stehen, womit 0-0-0 ebenfalls ausgeschlossen wäre.“ Stimmt! 😉

2 Gedanken zu “Retro der Woche 13/2016

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