Retro der Woche 33/2015

Vielleicht reizt das heiße Wetter ja dazu, nicht allzu hart zu lösen, sondern einmal etwas Anderes im weiten Retro-Land zu genießen?

Aus dem Preisbericht, der schon letzte Woche diese Rubrik gefüttert hatte, habe ich heute den dritten Preis ausgesucht: Er zeigt eine Beweispartie mit der Bedingung „Duellantenschach“. Die ist sehr einfach erklärt: Beide Parteien müssen, so weit es nach den orthodoxen Schachregeln möglich ist, mit dem Stein ziehen, der bereits den letzten Zug vollführt hat.

Ein Beispiel: Nach 1.e4 e6 hat Weiß keine Auswahl, sondern muss 2.e5 ziehen; Schwarz kann nicht mehr mit seinem e-Bauern ziehen, muss nun also einen neuen „Duellanten“ aussuchen und beispielsweise 2.– d5 spielen, wonach der nächste weiße Zug schon wieder feststeht: 3.exd6ep. Spielt Schwarz nun beispielsweise 3.–a6, so muss Weiß wieder mit seinem ehemaligen e-Bauern ziehen: 4.d7+. Das wiederum kann [Ba6] nicht parieren, also wechselt Schwarz wieder den Duellanten, z.B. 4.–Dxd7. Nun erst kann Weiß einen neuen Stein zum Ziehen aussuchen, und Schwarz muss mit seiner Dame weiter ziehen.

Paul Raican, Vlaicu Crisan & Ion Murarasu
Die Schwalbe 2009, 3. Preis
Beweispartie in 34 Zügen, Duellantenschach (15+12)

 

Damit haben wir gesehen: Ein ziehender Stein kann abgelöst werden durch Blockade, durch Schlag, durch ein Schachgebot, das er nicht parieren kann. Dazu kommt noch die Fesselung als Ablösegrund.

Also erfolgen im Duellantenschach ausschließlich orthodox-legale Züge (wie etwa auch bei der Längstzüger-Bedingung), die Bedingung schränkt also „nur“ die legalen Zugmöglichkeiten ein.

Ist das nun eine Erleichterung beim Lösen? Nein, nach meiner Erfahrung nicht unbedingt, denn die Bedingung erlaubt interessante Manöver im Zusammenhang mit der (Nicht-)Ablösung von Duellanten, die anders gar nicht dargestellt werden können, die ganz andere Strategien verlangen als z.B. bei normalen Beweispartien.

Sehr häufig ist es ausgesprochen lästig, dass man immer mit dem letzten Stein weiterziehen muss: So gern würde man ihn ablösen, aber das ist nicht immer einfach. Hier kommt dann also „der Kampf gegen die Bedingung“ ins Spiel, wie Bernd Gräfrath diese Märchenspezifika sehr anschaulich nennt.

Einen solchen Kampf gegen die Bedingung zeigt auch das heutige Stück: Allein schon die vielen gegenseitigen Schlagmöglichkeiten zeigen schon, dass es hier zu vielen Ablösungen vom Deullanten-Zwang kommen muss, anders kann die Stellung gar nicht entstehen. Und auch der frei stehende wBa4 musste einmal gestoppt werden.

Der liefert vielleicht eine erste Idee, wie das funktionieren kann: Ein schwarzer Offizier platziert sich nach Ba4 auf a5, um ihn zu blocken — und schon kann, muss Weiß einen anderen Duellanten auswählen.

Und genau so ist es hier: Schwarze und weiße Offiziere blockieren wie am Fließband weiße und schwarze Bauern bzw. „verhindern“ den Schlagzwang auf der 4. und 5. Reihe durch ihre Manöver. Das völlig Verblüffende an der Lösung und auch der Grund für die hohe Auszeichnung im Turnier ist, dass alle 13 Bauern, die gezogen haben, mit einem Einzelschritt beginnen mussten, um die Stellung erspielen zu können! Das grenzt schon an Zauberei, finde ich.

1.h3 Sf6 2.h4 Sh5 3.f3 Sf4 4.c3 Se6 5.c4 Sc5 6.a3 Sb3 7.a4 Sa5 8.e3 Sac6 9.e4 Se5 10.g3 Sg4 11.b3 Se3 12.b4 Sg2+ 13.Lxg2 d6 14.Lh3 d5 15.Ld7+ Sxd7 16.d3 Sc5 17.d4 Se6 18.g4 Sg5 19.f4 Sf3+ 20.Sxf3 g6 21.Sg5 c6 22.Se6 c5 23.Sc7+ Kd7 24.Sxa8 Ke8 25.Sb6 f6 26.Sd7 f5 27.Sf6+ Kf7 28.Sd7 Ke8 29.Se5 e6 30.Sd7 e5 31.Sf6+ Kf7 32.Sd7 Kg7 33.Sxf8 Kh6 34.Se6 g5.

Übrigens glaube ich fest, dass mit der Duellanten-Bedingung noch sehr interessante Retro-Aufgaben gebaut werden können: Allzu viel gibt es hier noch nicht, so enthält die PDB gerade einmal 23 solche Stücke (Abfrage z.B.: G=’Retro‘ AND K=’Duel‘).

Nachtrag 9.8.15: Mario Richter (siehe sein Kommentar) machte mich darauf aufmerksam, dass das Stück nebenlösig ist — schade.

4 thoughts on “Retro der Woche 33/2015

      • Thomas, Du hättest natürlich auch in die „Schwalbe“, Heft 247 (Feb.2011), BuB S.51 schauen können: dort hat ein gewisser „T.Brand“ NLs von Gerd Wilts und Boris Tummes zu dieser Aufgabe vermeldet. 🙂
        (Im elektronischen Archiv der BuB [http://www.dieschwalbe.de/ergaenzungena1.htm] fehlen leider aus nicht nachvollziehbaren Gründen genau die BuB dieses Heftes; allgemein lohnt sich aber ein gelegentlicher Blick auf dieses Seite …)

      • Beises richtig, Mario: Die zitierte Schwalbe-Seite ist wirklich sehr hilfreich — und den erwähnten Schwalbe-Sachbearbeiter muss ich mir mal zur Brust nehmen: Der hätte mich ja vorwarnen können! 😉

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