Retro der Woche 18/2015

Das gerade erschienene Januar-Februar Heft 2015 von feenschach enthält den Preisbericht zum René J. Millour-70-Geburtstagsturnier, gemeinsam von feenschach und Die Schwalbe ausgerichtet; gefordert waren Aufgaben mit Umwandlungen, einem der Lieblingsthemen das Jubilars.

Er hat selbst gerichtet und seinen Bericht in drei Teile aufgeteilt: orthodoxe Aufgaben, Märchenaufgaben mit direktem Spiel und Märchenaufgaben mit Hilfsspiel.

Ziemlich überrascht und hoch erfreut war ich, als ich sah, dass der erste Preis der orthodoxen Abteilung an eine Beweispartie ging:

Nicolas Dupont und Silvio Baier
71. feenschach-TT 2015, 1. Preis
Beweispartie in 31 Zügen (12+14)

 

Dass wir es hier mit Umwandlungen zu tun haben, ist ja selbstverständlich: Das steht schon über dem Diagramm. Dennoch sind sie sehr gut verborgen, denn die bei Umwandlungs-Häufungen in Beweispartien üblichen Doppelbauern, die meist hervorragende Lösungsverräter sind, fehlen hier vollständig.

Man sieht im Diagramm nur, dass drei Schläge stattgefunden haben: Auf der a-, der b- und der d-Linie steht ein schwarzer Bauer unterhalb seines weißen Kollegen.

Wieso ist dies aber weniger verräterisch als Doppelbauern? Nun, bei denen ist klar, welche Farbe den Schlag ausgeführt hat — das ist es hier nicht, die Bauernstruktur auf der a- und der b-Linie kann durch zwei weiße, aber auch durch zwei schwarze Überkreuz-Schläge entstanden sein.

Auf der d-Linie ist die Sache allerdings klar: Hier muss, wegen des Schachgebots auch als letzter Zug, cxd3+ geschehen sein — damit sind wegen des sBc3 schon zwei schwarze Bauernschläge erklärt.

Irgendwie müssen ja auch die sechs fehlenden Bauern auf dem Königsflügel verschwunden sein: Da liegt es vielleicht nicht so fern, sich Umwandlungen dieser vier weißen Bauern vorzustellen: die können dann jeweils doppelt auf e8 und auf g8 erfolgt sein.

Damit wären dann bereits alle fehlenden schwarzen Steine, nämlich genau [Be7] und [Bg7] erklärt. Wenn das stimmt, wissen wir auch, dass die Bauernformation auf der a- und b-Linie durch schwarze Schläge entstanden sind: Weiße Bauern hätten keine Schlagobjekte.

Da bei Weiß (und auch bei Schwarz) keine Offiziere im Diagramm fehlen, die schwarzen Bauern aber nicht die fehlenden Bauern direkt entschlagen konnten, müssen auch die oben schon angedeuteten weißen Umwandlungen erfolgt sein.

Nun stellt sich „nur noch“ die Frage, welche Umwandlungen erfolgt sind und ob die Umwandlungssteine nun selbst geschlagen wurden oder geschlagene weiße „Originalsteine“ ersetzen.

Das ist sicherlich nicht ganz einfach, aber nach den Vorüberlegungen doch möglich zu lösen. Versucht es einmal; ich bin mir sicher, ihr werdet Spaß daran haben!

1.h4 a5 2.h5 a4 3.h6 Ta5 4.hxg7 h5 5.f4 h4 6.f5 h3 7.f6 Th4 8.fxe7 f5 9.g4 Sf6 10.g8=L Lh6 11.Lc4 d5 12.g5 dxc4 13.g6 c3 14.g7 Kf7 15.g8=L+ Kg7 16.b4 Kh8 17.Lb3 axb3 18.e4 b2 19.e5 Se4 20.e6 Te5 21.a4 c5 22.a5 Sc6 23.a6 Da5 24.e8=L Da3 25.e7 Sa5 26.La4 b5 27.e8=L bxa4 28.Leb5 Ld7 29.d4 Le8 30.Lbd3 c4 31.Ke2 cxd3+.

Neben den beiden Verfassern dieser tollen Aufgabe muss ich auch dem Preisrichter René J. Millour großen Respekt zollen: so selbstverständlich ist das nicht, dass Thematurniere nicht durch einfaches Abzählen der Themadarstellungen entschieden werden. Vier Ceriani-Frolkin-Läufer sind schließlich nicht mehr neu (die älteste Darstellung, die ich kenne, ist 32 Jahre alt: P0001550 in der PDB von Michel Caillaud.

Dort aber finden sich („natürlich“ möchte ich fast sagen) einige verräterische Doppelbauern, die in der Darstellung von Dupont und Baier komplett fehlen.

Also eine extrem elegante Aufgabe gewinnt ein Thematurnier — so selbstverständlich ist das nicht…

3 thoughts on “Retro der Woche 18/2015

  1. An extremely elegant proofgame with four promoted bishops being captured. It is a wonder that the authors managed to get it right.
    As usual Thomas’s analytical comments are excellent, but the first letters in müssen and Wenn have been eaten by someone… And Bernd’s comment is duplicated.

  2. Ich begrüße die Entscheidung des Preisrichters, Eleganz höher als bloß quantitative Gesichtspunkte zu setzen. Mal sehen, wie die Kriterien der vielen Preisrichter beim 10. WCCT aussehen werden…
    Und zum Abschluß wünsche ich Dir nochmals alles Gute zu Deinem gestrigen Geburtstag, Thomas!

Schreibe einen Kommentar zu Henrik Juel Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.