Retro der Woche 35/2014

Das heutige Retro der Woche ist eine jener Beweispartien, wo der normalerweise erste Löseansatz, nämlich die erforderlichen Züge zumindest einer Seite zu fixieren, nicht sofort weiterhilft.

Jorge Lois & Roberto Osorio
MatPlus 2008, 1. ehrende Erwähnung
Beweispartie in 18.5 Zügen (14+14)

 

Zählt man die schwarzen sichtbaren Züge, so kommt man nur auf acht; auch bei Weiß sind es nicht viel mehr: Da sind es gerade einmal zehn.

Also sollten wir nach Stellungsmerkmalen Ausschau halten, die uns weiterhelfen könnten:

Da bietet es sich an zu schauen, welche Steine fehlen und wie sie verschwinden konnten. Bei Weiß fehlen [wBd2] sowie ein Turm, bei Schwarz die Dame und ein Springer.

Wen könnte der [sBg7] auf h6 geschlagen haben? Den fehlenden Bauern nicht – und auch der Turm ist sehr unwahrscheinlich, da der sehr viele Züge benötigen würde, um nach h6 zu kommen und sich dort aktiv schlagen zu lassen.

Wenn wir davon ausgehen, dass sTa6 noch vor b7-b6 via g6 auf sein Zielfeld gekommen ist, muss das auch ziemlich schnell passiert sein, da erst dieser Bauernzug den schwarzen Damenflügel öffnet. Demnach steigt der Verdacht, dass g7xh6 sehr früh erfolgen musste – und dann steht als Schlagobjekt eigentlich nur die [wDd1] zur Verfügung. Dann ist wDd5 ein Phönix-Stein, der aus [wBd2] auf b8 entstanden ist und auf seinem Weg dorthin die beiden fehlenden schwarzen Steine geschlagen hat.

Wenn wir mit dieser Hypothese noch einmal die erforderlichen weißen Züge zählen, kommen wir direkt auf 18, und damit ist nur noch einer offen. Wirklich?

Nein, denn wdd5 und wLc6 stehen dafür in der falschen Anordnung. Also müssen diese beiden Steine in nur einem einzigen zusätzlichen Zug aneinander vorbei ziehen können. Und das kann nur funktionieren mittels b8=D, Db7, Dh1! (der zusätzliche Zug), Lg2, Lc6, Dd5.

Dafür muss dann allerdings der [wTh1] bereits verschwunden sein, also, da keine züge mehr frei sind, zu Hause geschlagen worden sein. Dafür kommt als Schlagtäter neben der sD, die aber im Nordwesten als Schlagopfer gebraucht wird, nur der [sLc8] in Frage.

Wenn man das alles versucht zu erspielen, stellt man dann fest, dass dieser Läufer dann als Schachschutz für seinen König bei b8=D fehlt – das muss also sTa8 erledigen. Und dann muss ja auch noch die Diagonale b7-h1 für unsere raffinierte Damen-Bahnung für den weißen Läufer geräumt werden. Wo? Das geht nur auf a8, während [sTa8] Schachschutz bietet!

Mit diesen gründlichen Vorüberlegungen sollte es nicht mehr allzu schwer sein, nun ide genaue Zugfolge herauszuarbeiten:

1.d4 Sf6 2.Dd2 Tg8 3.Dh6 gxh6 4.Ld2 Tg6 5.La5 Sg8 6.Sc3 Ta6 7.Td1 b6 8.Td3 Lb7 9.Th3 Dc8 10.g3 Lxh1 11.d5 Sc6 12.dxc6 Db7 13.cxb7 Tc8 14.b8=D La8 15.Db7 Kd8 16.Dh1 Lb7 17.Lg2 Ta8 18.Lc6 Lc8 19.Dd5.

Dabei stellt sich dann heraus, dass [sTa8] nur auf c8 Schachschutz geben kann – wir haben also neben der sL-wD-wL Linienfreihaltung und Bahnung noch einen Platzwechsel „hin und zurück“ zwischen [sTa8] und [sLc8]; beide Themen sind durch 14.– sLh1-a8 auch sehr schön miteinander verwoben. Sehr elegant, wie ich finde!

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