Retro der Woche 08/2014

Nachträglicher Hinweis: Beachtet bitte die Korrektur der Aufgabe in den Kommentaren!

Im letzten Retro der Woche hatte ich bereits erwähnt, dass Wolfgang Dittmann besonders intensiv und erfolgreich mit Verteidigungsrückzügern des Typs Proca gearbeitet hat. Er hat dort hervorragend klassische Retroanalyse mit Ideen der neudeutschen Schule verbunden; hierfür möchte ich euch heute ein kleines Beispiel zeigen, bei dessen Lösungsbesprechung ich mich wieder sehr eng an die von Wolfgang in seinem Buch Der Blick zurück (dort Nr. 135) halte, allerdings habe ich sie etwas umgestellt, um euch noch mehr zum Selbstlösen zu verlocken –- es lohnt!

 

Wolfgang Dittmann
The Problemist 1978
#1 vor 4 Zügen, Proca-Retraktor (11+10)

 

Woran scheitert der Grundangriff R 1.Sf4-e2? nebst 2.Sg6-f4 & v. 1.Th8#? Um das zu erkunden, beginnen wir mit der Retroanalyse der Stellung, hier mit der Schlagbilanz:

Der sBh2 muss schlaglos von h7 gekommen sein, da nur vier weiße Schlagobjekte frei sind (Lc1 fällt aus); somit ist der sBg5 von e7 gekommen. Das bedeutet, dass die wBB, u.a. um dem sBh2 den Weg freizumachen, insgesamt sechsmal geschlagen haben, d.h. sämtliche fehlenden schwarzen Steine, also auch den sBa7, der sich aus diesem Grund umgewandelt haben muss. Wenn er sich auf a1 umgewandelt hat, ist natürlich die Rücknahme der weißen Rochade nicht mehr möglich; ist sie dennoch erfolgt, hat sich der sBa7 auf b1 umgewandelt, wodurch der letzte ‚freie‘ weiße Stein, nämlich der wBe2, als Schlagobjekt benötigt wird. Dieser konnte aber von keinem sB als Bauer geschlagen werden, musste sich demnach auf e8 umwandeln, was nur ohne Rücknahme der schwarzen Rochade möglich ist! Demnach kann höchstens eine der beiden Parteien rochiert haben.

Nun sehen wir auch, woran der angegebene Grundangriff scheitert: R 1.Sf4-e2? 0-0! 2.Ta1-d1 [3.Kc1-c2 Sb4-a2+ 4.Ta7-a1 & v. 1.Txh8#] 2.– c7xSd6 mit Selbstschach.

Hingegen ist 1.– g6-g5?? illegal, wie wir gesehen haben, da der Bg5 von e7 kommt. Ebenso 1.– Te8xTf8?? (für e7xXf8=T fehlt ein schwarzes Schlagobjekt,), und 1.– Te8xDf8 erlaubt 2.De7-f8 Kf8-g8 3.D bel. & v. 1.Th8#.

Daher wird im zweizügigen Vorplan die schwarze Rochade-Rücknahme verhindert: 1.Kc1-c2 Sb4-a2+ (1.– Sb4xSa2+ mit Kurzmatt, siehe unten) 2.0-0-0! bel. (2.—0-0?? ist illegal), und nun der Hauptplan 3.Sf4-e2 bel./Kf8-g8 4.Sg6-f4/Sd5-f4 & v. 1.Th8#.

Nun beantwortet sich auch die Frage, warum in der Lösung 1.– Sb4xSa2+? zum Kurzmatt durch 2.Sf4-e2 (nun wäre 0-0 illegal) führt: Der freiwillige Entschlag des wS führt dazu, dass sich der wBe2 auf jeden Fall umwandeln musste, um als Schlagobjekt für die sBB zu dienen, so dass die schwarze Rochade-Rücknahme sofort illegal ist.

2 Gedanken zu “Retro der Woche 08/2014

  1. 2 kleine Anmerkungen:
    1. Die Formulierung „Demnach kann höchstens eine der beiden Parteien rochiert haben.“ ist sachlich nicht ganz richtig – Schwarz muß gegebenenfalls mit der ‚Ent-Rochade‘ allerdings bis zur Entwandlung des wBe warten (was eine interessante Parallele zur kürzlich veröffentlichten Gedenkaufgabe aufweist).
    2. Es ist fraglich, ob nach R: 1.Sf4-e2 0-0 2.Ta1-d1 tatsächlich 2. … c7xSd6? gegen die Drohung 3.Kc1-c2 Sb4-a2+ 4.Ta7-a1 & v. 1.Txh8# hilft, und zwar aus folgendem Grund: nach der Rücknahme der s0-0 gilt: der wBe2 konnte weder die e-Linie verlassen noch umwandeln. Nach c7xSd6 verbleiben damit als Schlagobjekt für den sBg5 (Be7xf6xg5) nur die wD und der Lf1 – und der hat leider die falsche Feldfarbe .- c7xSd6 scheint also illegal zu sein.
    Prüf‘ das bitte noch mal, Thomas.

    • Zu 1:
      Ja, das war schlampig formuliert, wir haben es hier mit „sich innerhalb des durch die Forderung vorgegebenen Zeitfensters wechselseitig ausschließende Rochaden“ zu tun, wie Mario es formuliert hat.

      Zu 2:
      Unglaublich, das hat offensichtlich bisher noch niemand bemerkt gehabt: Nicht die Löser vor 36 Jahren im Problemist, niemand in der PDB (dort als P1012755 seit dem 11.1.2004 aufgeführt), weder dar Autor noch der Lektor beim Schreiben des Blick zurück noch meines Wissens die Leser des Blick zurück bisher…

      Ja, Marios Einwand stimmt!

      Ich habe mich dann um eine Korrektur bemüht; Mario Richter hat dankeswerter Weise bereits geprüft: sBBd6d4 > c5c4; das schaut dann so aus:

      5rk1/5ppR/7b/1Pp3pP/2p4P/2P4P/nPKPN2p/3R4. Wolfgang Dittmann, The Problemist 1978, Korrektur Th. Brand 2014, #1 vor 4 Zügen, Proca-Retraktor (11+10).

      Dann scheitert R 1.Sf4-e2 0-0 2.Ta1-d1. an 2.– c7-c5. mit Schließung der 7. Reihe; es geht auch nicht 2.Kd3-c2 d5xLc4+ 3.Ke4-d3 d6-d5+!. — jetzt nicht d7-d5, was zwar auch die 7. Reihe schließt, aber gleichzeitig das Fluchtfeld d7 blockt.

      Ich hoffe, das ist korrekt — und ich bin mir ziemlich sicher, dass Wolfgang diese Korrektur auch akzeptiert hätte.

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