Retro der Woche 36/2013

Bei „Vorwärts-Aufgaben“ wird oft großer Wert auf einen Schlüsselzug gelegt, der möglichst versteckt ist: Klar, bei einem Zweizüger bleiben nicht viele weitere Möglichkeiten, dem Löser Schwierigkeiten zu bereiten („Probleme zu schaffen“) bei seinem Versuch, sich selbst die Aufgabe zu erschließen.

Anders schaut dies häufig bei Retros aus: Bei Auflöse-Aufgaben ist ein offensichtlicher letzter Zug nicht unbedingt ein Makel, sondern häufig als technisches Mittel erforderlich, um die Partei zu definieren, die in der Stellung am Zug ist. Die Schwierigkeit und auch der eigentliche Inhalt der Aufgabe ergibt sich halt nicht aus der ersten Zugrücknahme, sondern aus der weiteren Auflösung.

So auch bei dem Stück, das ich euch heute vorstellen möchte: Der letzte Zug ist sehr leicht, quasi sofort zu sehen, aber das ist nicht schlimm.

Michel Caillaud
Die Schwalbe 2006, 2. Preis (Werner Keym gewidmet)
Löse die Stellung auf (16+7)

 

Dass Schwarz zuletzt gezogen hat, ist durch das Schach gegen den weißen König offensichtlich, das Schachgebot ist nur durch 1.– Lc3-h8+ zu erklären. Dabei kann der Läufer auf h8 nicht geschlagen haben, da Weiß noch über all seine 16 Steine verfügt.

Wenn wir diesen Zug zurücknehmen, sehen wir allerdings schnell, dass Schwarz nun über keine Retrozüge mehr verfügt, Weiß muss also Schwarz Züge ermöglichen, um das drohende  Retropatt des Schwarzen zu vermeiden, erst dann kann er sich konkrete Gedanken um die Auflösung des Käfigs im Süden machen.

Zur Auflösung muss Weiß den fehlenden schwarzen Springer auf b2 entschlagen, damit der auf d1 Schachschutz geben kann für die Rücknahme von De1-e2.

Aber zunächst müssen wir uns bemühen, für Schwarz Züge bereit zu stellen. Einfach z.B. einen  Springer zu entschlagen, der dann im Norden gefahrlos herumtanzen kann, geht nicht, da das einen Umwandlungsstein bedingen würde — aber wegen der weißen Bauernstellung hätte dazu der umwandelnde Bauer schlagen müssen, und dafür steht kein Schlagobjekt zur Verfügung. Schaut euch bitte selbst an, warum weiße Kreuzentschläge und dann Entwandlung nicht möglich sind.

Weiß muss also erst einmal Bauern entschlagen:

2.Lb5xPa6 a7-a6 3.Lc6xBb5 b6-b5 4.d4-d5! b7-b6 5.Ld5xBc6 c7-c6 6 Le6xBd5 d6-d5 7.Lf5xBe6 e7-e6 8.Lg4xBf5 f6-f5 9.h2-h3! f7-f6 10.Lh3xBg4 g5-g4 11.Le6(f5,g4)xBh3 (der einzige nicht eindeutige Zug in dieser Auflösung!) 11.– h4-h3 (nicht g6-g5??, da das den wTd7 einmauern würde) 12.Sb6-c8 (Jetzt haben wir endlich genug schwarze Tempozüge, um uns um die Auflösung des Knotens im Südwesten zu kümmern.) 12.– h5-h4 13.Sa4-b6 Da1-b2 (Witzig: Um die Stellung aufzulösen, muss sich die schwarze Dame zeitweilig auf a1 selbst einmauern) 14.Sb2-a4+ h6-h5 15.Sa4xSb2! Sd1-b2+ 16.Sb2-a4+ h7-h6 (Nun ist der schwarze König geschützt, und wD kann die Fesselung auflösen.) 17.De1-e2 Te2-f2+ 18.f3-f2 Sf3-d2 usw.

Das Stück gefällt mir nicht nur wegen des Rekordes (alle acht Bauern werden von einem einzigen Stein entschlagen), sondern gerade wegen der retroanalytischen Feinheiten wie die drohende Retro-Einschließung des wTd7 und der im ersten Moment überraschenden Bauern-Rückzüge d4-d5 und h2-h3: Verschenken sie doch erst einmal einen Zug — gewinnen dann aber zwei.

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